Ihr Bild von den Sehenswürdigkeiten und der Geographie San Franciscos ist geprägt durch die Verfolgungsjagd in Bullitt, dem bahnbrechenden Detektivfilm mit Steve McQueen, so ist das vollkommen in Ordnung. Doch Vorsicht: Wer versucht, die Route genau wie im Film abzufahren, wird schnell erkennen, dass der Regisseur Peter Yates an chronischer Sprunghaftigkeit litt.

In der festen Überzeugung, sich von den Fakten nicht daran hindern zu lassen, eine gute visuelle Story zu erzählen, teleportiert Yates während der siebenminütigen Verfolgungsjagd seinen Schauspieler McQueen vom Osten über den Norden und dann in den Süden der Stadt. Wer nicht darauf hingewiesen wird, dem fällt es vielleicht niemals auf oder es ist ihm schlicht egal. Allerdings nehmen wir hier selbst eine Art Ermittlerrolle ein, um die beste Route durch die Stadt zu finden. Das ist es, was uns interessiert.

Den Menschenmassen ausgewichen

Unsere Route beginnt wie viele andere am Union Square, der nach seiner Rolle als Sammelplatz der Union Army im Amerikanischen Bürgerkrieg benannt ist. Heute ist er ein Sammelplatz für Shopping-Besucher und Touristen, die von hier aus in Scharen die schicken Geschäfte, Hotels und Theater aufsuchen, und für gewöhnlich ist es ein Alptraum, hier durchzufahren. Jedoch nicht, als wir ihn erreichen.

Zu dieser nächtlichen Stunde ist es merkwürdig still, als wir uns vom Platz aus nach Norden in Richtung Chinatown bewegen, wo die größte und älteste chinesische Gemeinde außerhalb Asiens lebt. Wir ignorieren den Duft exotischer Speisen, der aus den Restaurants, die die Straßen säumen, ins Auto dringtund schlagen uns weiter nach Norden durch, um einen guten Ausblick auf die Transamerica Pyramid zu erhalten. Sie ist eines der Wahrzeichen von „San Fran“ und das höchste Gebäude Nordkaliforniens.

Nun wenden wir uns nach Westen zur Lombard Street, in Richtung der Golden Gate Bridge. Eigentlich sollten wir diesen Teil unserer Route besser andersherum befahren. Denn der interessante Abschnitt der Lombard Street ist eine Einbahnstraße in entgegengesetzter Richtung: Serpentinen, die auch als „kurvenreichste Straße von San Fran“ bekannt sind.

In einem bestimmten Licht mag sie wie eine Illusion wirken, doch als die Golden Gate Bridge, die sich nur ein Stück weiter die Straße hoch befindet, in der Dunkelheit über uns aufragt, fühlt sie sich sehr real an. Zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung im Jahr 1937 war sie die längste Hängebrücke der Welt, mittlerweile existieren jedoch zehn vergleichbare Bauwerke, die länger sind.

Nach einer Kehrtwende an der Nordseite der Brücke und einer weiteren Überquerung des Golden Gates geht es nun in den Westen San Franciscos, auf den Upper Great Highway. Dieser schnurgerade Straßenabschnitt ist so leer, wie der Osten vor Leben wimmelt. Er läuft parallel zur Pazifikküste und ist die ideale Straße für alle, die mal rauskommen und eine Runde surfen möchten. Außerdem ist sie eine schnelle Verbindungsroute zur letzten und in vielerlei Hinsicht eindrucksvollsten Station unserer geheimen Route: Twin Peaks.

Traumhafte Aussicht

Wir biegen links ab auf den Sloat Boulevard, dann noch einmal auf den Portola Drive und schließlich auf den Twin Peaks Boulevard. Je höher wir kommen, desto schlechter werden die Straßenverhältnisse. Doch als wir oben ankommen, wollen wir uns nicht beschweren: Der Ausblick ist schlichtweg atemberaubend. Hier, in etwa 281 Metern Höhe, im geographischen Zentrum von San Francisco, an diesem selten klaren Abend, liegt uns die gesamte Stadt mit ihrem großen Lichtermeer zu Füßen.

Zum Verweilen bleibt uns jedoch keine Zeit. Der Ausblick wird auch morgen noch da sein, aber ich werde mich auf den Weg zurück nach L. A. machen. Wir fahren den Hügel wieder hinunter, um zu Ehren von Frank Bullitt eine letzte Tour durch die noch immer schlafende Stadt zu machen.

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