Shell News 2010
"Ein gewisser Ölpreis ist nötig, um zu investieren"
02/03/2010
Peter Voser, Chef des Mineralölkonzerns Shell, über neue Milliardeninvestitionen, die Risiken im Irak und den Verkauf von Unternehmensteilen
Dirk Heilmann, Katharina Slodczyk
Handelsblatt: Herr Voser, Shell investiert enorme Summen, um neue Ölfelder zu erschließen und die Produktion zu steigern. Insgesamt 60 Mrd. Dollar 2009 und 2010. Shell tritt dennoch auf der Stelle. Die Produktionsmenge ist unverändert. Ist das nicht frustrierend?
Peter Voser: Nein, das kann ich nicht sagen. Es stimmt natürlich, dass Jahr für Jahr die Ölmenge, die wir aus bestehenden Feldern fördern, um vier bis sechs Prozent zurückgeht. Man muss daher schon viel investieren, um auf der Stelle zu bleiben. Aber wir investieren auch in Wachstum. Die Projekte, die wir in den nächsten zwei Jahren in Betrieb nehmen, werden uns Wachstum bringen. Und wir arbeiten bereits an den Projekten für die Zeit danach.
HB: Wo investieren Sie vor allem, wo erhoffen sie sich Wachstum?
Voser: 60 bis 70 Prozent unserer Investitionen gehen in OECD-Länder. Wir brauchen politische und fiskalische Stabilität, um Projekte mit einem Zeithorizont von drei, vier Jahrzehnten anzupacken. Mit den restlichen 30 bis 40 Prozent kann ich dann höhere Risiken eingehen.
HB: Es gibt aber mehr Ölreserven in politisch weniger stabilen Ländern. Lässt sich die Aufteilung ihrer Investitionen noch durchhalten?
Voser: Absolut. Wir haben in den letzten Jahren unser Portfolio in den Vereinigten Staaten, im Golf von Mexiko, erweitert. Dieses Jahr fangen wir mit Bohrungen in Alaska an. In Australien gibt es große Gasfunde. Auch Brasilien betrachten wir als ein stabiles Land. Dort wachsen wir ebenfalls stark. Es ist kein Problem, in stabilen Ländern genügend lohnenswerte Investitionsmöglichkeiten zu finden. Das Problem ist eher, dass man die Technologien und einen gewissen Ölpreis braucht, um sich das leisten zu können. Denn man muss tiefer bohren. Und je tiefer man geht, desto teurer wird es.
HB: Wie hoch muss der Preis sein?
Voser: Das werde ich Ihnen bestimmt nicht sagen.
HB: Ihre Konkurrenz ist da nicht so zurückhaltend und spricht von 50 Dollar je Barrel.
Voser: Das ist der Tiefstpreis. Die haben aber nicht davon gesprochen, was sie nach oben hin brauchen.
HB: Sie haben Ende 2009 die Lizenz erhalten, eines der weltweit größten Ölfelder im Irak auszubeuten. Das ist wohl eine der risikoreicheren Investition.
Voser: Nicht technologisch gesehen, aber politisch.
HB: Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass sich die irakische Regierung in zehn Jahren für den Wiederaufbau bedankt und die Ölindus trie verstaatlicht?
Voser: Das Problem haben Sie überall, nicht nur im Irak. Wir sind schon so oft verstaatlicht und wieder entstaatlicht worden. Das ist Teil unseres Risikos.
HB: Wie werden sich denn Ihre Investitionen künftig entwickeln?
Voser: Wir werden sie nicht verringern. Grundsätzlich muss man in allen Phasen des Konjunkturzyklus investieren. Und das tun wir. Wir hatten letztes Jahr trotz des sinkendenÖlpreises sogar die höchsten Investitionen: 32 Mrd. Dollar. Dieses Jahr planen wir 28 Mrd. Dollar. Es ist etwas weniger als 2009, weil die Kosten durch die Krise gesunken sind.
HB: Werden sie nicht ihre Investitionen sogar steigern müssen, wenn die Ölnachfrage wieder anzieht? Es gibt die Sorge, dass dem Ölmarkt neue Engpässe drohen, weil nicht genug investiert wird.
Voser: Die Ölindustrie hat 2009 rund 15 Prozent weniger investiert, bei alternativen Energien sind es sogar fast 40 Prozent weniger. Viel wird davon abhängen, wie sich die Nachfrage entwickelt. Wir gehen davon aus, dass sie sich dieses und nächstes Jahr eher langsam erholen wird. Mittelfristig wird die Nachfrage aber ganz klar steigen. Und wenn sich die Investitionsseite nicht verändert, kann der Ölpreis unter Druck kommen. Von Engpässen würde ich aber nicht sprechen.
HB: Um einige ihrer Investitionen zu finanzieren, wollen sie offenbar Unternehmensteile verkaufen - etwa Ölfelder in der Nordsee, in Nigeria und ihr europäisches Flüssiggas- Geschäft. Wie viel soll dabei zusammenkommen?
Voser: Solche Gerüchte kommentieren wir nicht. Nur soviel: Portfolio-Management ist wichtig. Nigeria hat langfristig Potenzial, aber kurzfristig Schwierigkeiten. Es gehört auch weiterhin in unser Portfolio. Aber wenn jemand den richtigen Preis zahlt, ergibt es Sinn, sich von Teilen des Geschäfts zu trennen.
HB: Sie investieren weniger in Kanada, wo sie Öl aus Sand gewinnen - ein teures und sehr umstrittenes Verfahren. Ist es nicht mehr zu rechtfertigen?
Voser: Wenn man dort wieder zu vernünftigen Kosten Öl fördern kann, werden wir auch wieder den nächsten Expansionsschritt angehen. Zurzeit haben wir aber unsere Ausbaupläne etwas verlangsamt. Das können wir uns auch leisten. Wir haben die Ölsandminen dort in den 50er-Jahren gekauft. Sie laufen uns nicht davon.
HB: Die Margen im Geschäft mit der Weiterverarbeitung von Öl in Raffinerien waren zuletzt schwach. Warum stoßen sie dieses Geschäft nicht komplett ab?
Voser: Das Raffineriegeschäft ist ein zyklisches Geschäft. Das darf man nicht auf der Basis von zwei, drei Jahren beurteilen, sondern eher über einen Zeitraum von 20 Jahren betrachten. Von 2004 bis Herbst 2008 waren die Margen ausgezeichnet, 2009 waren sie miserabel. Wir versuchen, ein resistentes Portfolio zu haben. Größere Raffinerien sind in der Regel weniger anfällig gegen zyklische Schwankungen. Darum stoßen wir kleinere Raffinerien ab.
HB: Durch den Trend hin zum Elektroauto kommt auf mittlere Sicht wohl auch ihr Tankstellennetz unter Druck.
Voser: Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass sich neue Transport-Technologien weiterentwickeln werden - aber viel langsamer, als man denkt. Darum sollten wir anfangen, die Technologien zum Klimaschutz einzuführen, die es schon gibt. Man kann mehr Biotreibstoffe nutzen. Man kann Kohle durch Gas ersetzen. Man sollte Staaten dazu verpflichten, der Energieeffizienz höhere Priorität einzuräumen. Man kann kurzfristig viel machen, aber es braucht industriellen und politischen Willen.
HB: Und der fehlt?
Voser: Es wird global betrachtet zu wenig gemacht. Das ist kein Wunder. Es würde Jobs kosten, wenn man Kohle durch Gas ersetzte. Und welcher Politiker stellt sich vor seine Wähler und vertritt eine solche Entscheidung?
Quelle
Handelsblatt, 02. März 2010, Seite 28/29

