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Shell News 2010

Rekordgewinne ade

02/03/2010

Shell-Chef Peter Voser erwartet harte Zeiten und will daher den britisch-niederländischen Energiekonzern schneller machen

Von Andreas Oldag

Peter Voser ist ein gefragter Mann. Gerade kommt der Shell-Chef von einem Treffen bei Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das Treffen scheint gut für ihn gelaufen zu sein, er wirkt aufgekratzt und gut gelaunt. Über die Gesprächsthemen bei Merkel will er nicht viel verraten. Man sei sich in vielen Punkten, so unter anderem bei stärkeren Bemühungen um den Klimaschutz, durchaus einig gewesen, sagt Voser.

Schnell kommt der gebürtige Schweizer, der im vergangenen Sommer bei Shell die Nachfolge des Niederländers Jeroen van der Veer antrat, auf sein Lieblingsthema zu sprechen: Die Stärkung der Profitabilität des niederländisch-britischen Konzerns. Unter van der Veers Führung wurde viel versucht, unter anderem der inzwischen abgebrochener Ausflug in die Solartechnologie. Voser will davon nichts wissen, sondern die Managementstrukturen verbessern. Der Supertanker Shell mit mehr als 100 000 Beschäftigten muss schneller und schlanker werden, lautet Vosers Botschaft. Der Shell-Konzern verzeichnete im Jahr 2008 einen Umsatz von 308 Milliarden Euro. Der Gewinn belief sich im gleichen Zeitraum immerhin auf 17,5 Milliarden Euro.

Seine Handschrift hat der ehemalige Manager des ABB-Konzerns, der 2004 als Finanzchef zu Shell wechselte, im Konzern bereits hinterlassen: Ein Sparprogramm führte zum Abbau von 5000 Arbeitsplätzen. In diesem Jahr sollen nochmals 1000 Jobs wegfallen und auch die Kosten um eine Milliarde Dollar gesenkt werden. "Wir sind da auf dem richtigen Wege'', sagt Voser mit Blick auf die Konkurrenz. Auch er selbst geht schließlich mit gutem Beispiel voran: Die Aktionäre hatten wegen hoher Bonuszahlungen an den früheren Vorstand regelrecht den Aufstand geprobt. Jetzt sollen sich die Prämien in Form von Auszahlungen und Aktien stärker am langfristigen Unternehmenserfolg orientieren.

Wie der gesamten Branche macht auch Shell der Einbruch der Ölpreise infolge der Wirtschaftskrise zu schaffen. Bei der Ölnachfrage sei dieses Jahr allenfalls ein leichtes Wachstum zu erwarten. "Wir sehen zwar einige Anzeichen, dass die Energienachfrage wieder anzieht und die Ölpreise steigen. Die Aussichten bleiben jedoch unsicher und wir erwarten keine rasche Erholung", so der Konzernchef. Derzeit kostet das Barrel 159 Liter knapp 80 Dollar. Das hat immerhin dazu geführt, dass das Fördergeschäft wieder etwas angezogen hat. Doch die Margen vor allem im Raffineriegeschäft sind eingebrochen. "Wir müssen uns da künftig aus Kostengründen auf die großen Standorte konzentrieren", erklärt Voser.

Der Konzernchef lässt keinen Zweifel daran, dass die Zeit der Rekordgewinne für "Big Oil" vorerst vorbei ist. Branchenweit sind die Investitionen im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2008 um etwa 15 Prozent zurückgegangen.

Gleichwohl können sich Unternehmen wie Exxon Mobil, BP und Shell nicht leisten, ehrgeizige Explorationsprojekte aufzugeben und Bohrtürme sogar abzubauen. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu viel sparen", warnt Voser. So belief en sich die Investitionen im vergangenen Jahr auf stattliche 32 Milliarden Dollar. In diesem Jahr ist ein Betrag von 28 Milliarden vorgesehen. Das sei, wie Voser betont, real nicht weniger als 2009, weil Shell von geringeren Kosten profitiere, beispielsweise bei Bohrausrüstungen. "Ich muss mir darüber im klaren sein, dass ich Investitionsentscheidungen vor allem auch für meine Nachfolger treffe", sagt Voser. Öl ist ein langfristiges Geschäft, so dass sich der Erfolg oder Misserfolg von Investitionen häufig erst nach Jahrzehnten zeigt. Unbestreitbar sei auch, dass sich die Energienachfrage in den nächsten Jahrzehnten weltweit verdoppelnwerde, wobei das Wachstum vor allem in den Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien stattfinde.

Voser macht in diesem Zusammenhang keinen Hehl daraus, dass der Konzern vor allem in den 90er Jahren Chancen bei Akquisitionen verpasst hat, weil er zu vorsichtig agiert habe. So konnte sich BP den amerikanischen Konkurrenten Amoco einverleiben. Exxon griff nach Mobil Oil. Mit diesen Mega-Fusionen sicherten sich BP und Exxon den Zugriff auf wichtige Energiereserven. Doch Voser ist nicht jemand, der sich lange mit der Vergangenheit aufhält. Er setzt vorrangig auf eigenständiges Wachstum, Zukaufe seien aber nicht ausgeschlossen.

Nicht ohne Stolz verweist Voser darauf, dass es Shell gelungen ist, die langsame, aber stetige Erschöpfung vieler Lagerstätten durch neue Projekte mehr als auszugleichen. Dazu gehört beispielsweise die 2009 gemeinsam mit Gazprom angelaufene Öl- und Gasförderung auf der russischen Pazifikinsel Sachalin. Zudem seien vielversprechende Vorhaben wie die Erschließung des irakischen Majnoon-Feldes jetzt in der Pipeline. Zusammen mit der malaysischen Petronas hat Shell den Zuschlag erhalten, 1,8 Millionen Barrel pro Tag aus dem Wüstenuntergrund zu pumpen. Die bei Umweltschützern umstrittenen Ölsandprojekte in Kanada sieht Konzernchef Voser ebenso als tragende Säule für den Konzern an, auch wenn die Förderung durch den niedrigen Ölpreis derzeit weniger rentabel ist.

"Das sind langfristig wichtige Reserven. Wir wollen Risiken eingehen und bewegen uns damit an der Spitze der Branche", umschreibt Voser seine Strategie. Dazu zählt gewiss auch das vor kurzem verkündete Zwölf-Milliarden-Dollar-Gemeinschaftsprojekt mit dem brasilianischen Ethanolhersteller Cosan. Shell stärkt damit seine Position als einer der größten Biokraftstoffvermarkter. Die Nachfrage nach Ethanol auf der Basis von Zuckerrohr ist in Brasilien in den vergangenen Jahren rapide gestiegen, seitdem Autos eingeführt wurden, die sowohl mit Ethanol als auch mit Benzin betankt werden können. Im übrigen werde durch die Zuckerrohrverflüssigung 70 Prozent weniger Kohlendioxid als bei der Produktion konventioneller Kraftstoffe freigesetzt, erklärt Voser. Für den Shell-Chef schließen sich damit Wachstum und Umweltschutz keineswegs aus.

Quelle

Süddeutsche Zeitung, 02. März 2010, Seite 23