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Shell Dialog "Jugend" in Berlin - 02.12.2009
„Druck erzeugt Gegendruck“ oder: Was bedrückt die Jugend in Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise?
Referenten
Begrüßung
- Dr. Peter Blauwhoff, Vorsitzender der Geschäftsführung Deutsche Shell Holding GmbH
Einführung
- Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Universität Bielefeld
Podium
- Florian Bernschneider, Mitglied des Bundestags (FDP)
- Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Universität Bielefeld
- Agnieszka Malczak, Mitglied des Bundestags (Bündnis 90/Die Grünen)
- Niema Movassat, Mitglied des Bundestags (Die Linke.)
- Nadine Müller, Mitglied des Bundestags (CDU)
- Sönke Rix, Mitglied des Bundestags (SPD)
- Ulrich Schneekloth, Leiter des Bereichs „Familie und Generationenbeziehungen“ bei TNS Infratest Sozialforschung
- Holger Schwanecke, Geschäftsführer und zukünftiger Generalsekretär, Zentralverband des deutschen Handwerks
Moderation
- Elisabeth Niejahr, Hauptstadtkorrespondentin DIE ZEIT und Buchautorin
Im Dialog mit der Zukunft
Von Sebastian Meißner
Beim Shell Dialog in Berlin wurde diesmal nicht nur über, sondern vor allem auch mit der Zukunft gesprochen. Die jeweils jüngsten Bundestagsabgeordneten der fünf großen Parteien äußerten sich zu den Herausforderungen für Jugendliche in Zeiten der Krise.
„Die Auswirkungen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise haben auch die Jugendlichen in ihrer Lebensplanung erreicht.“ Mit diesen Worten machte Dr. Peter M. Blauwhoff, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Shell Holding, beim gestrigen Shell Dialog in Berlin auf die aktuelle Situation junger Menschen aufmerksam.
Geredet wurde bei der von DIE ZEIT-Hauptstadtkorrespondentin Elisabeth Niejahr moderierten Veranstaltung aber nicht nur über, sondern vor allem auch mit der Jugend. Denn aufs Podium geladen waren die jeweils jüngsten Bundestagsabgeordneten der fünf großen Parteien. Sie gaben wertvolle Einblicke in die Lebenswelt Heranwachsender. Ganz oben auf der Themenliste standen die Bereiche Beruf, politisches Engagement und Klimawandel.
Jobchancen im Brennpunkt
Besonders beklemmend ist die Situation für Jugendliche auf dem Arbeitsmarkt. „Die sogenannte ‘Generation Praktikum’ begegnet der strukturellen Unsicherheit mit einer hohen Leistungsbereitschaft und sammelt Bildungstitel und Zeugnisse, um die Jobchancen zu erhöhen“, sagt Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Professor an der Uni Bielefeld und einer der Autoren der Shell Jugendstudie. Allerdings gilt dies in der Regel nur für Jugendliche aus sozial besser gestellten Elternhäusern mit hohem Schulabschluss. „Etwa 20 Prozent der Jugend ohne aussichtsreichen Abschluss werden dagegen sozial abgehängt“, sagt Prof. Hurrelmann.
Der Blick in die Praxis bestätigt diese These. „In Deutschland blieben zuletzt 10000 Ausbildungsplätze unbesetzt“, sagte Holger Schwannecke, Geschäftsführer und designierter Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Grund dafür ist nicht allein der Rückgang der Schulabgängerquote. Bundesweit haben 2009 vier Prozent weniger Jugendliche die Schule verlassen als im Vorjahr. In den neuen Bundesländern sank die Zahl sogar um satte 15,5 Prozent.
Für etliche der unbesetzten Stellen fehlen schlichtweg qualifizierte Bewerber. So profitieren von dem Angebotsüberschuss aktuell nur die gut ausgebildeten Jugendlichen. Der Rest fällt weiter zurück. Schwannecke fordert daher, den Hebel bereits im Vorschulalter anzusetzen, und plädiert an Eltern und Lehrer, die Kinder gemeinsam vor allem in Soft Skills wie Teamfähigkeit, Kommunikation und sozialem Engagement zu fördern, um sie besser auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts vorzubereiten. „Denn klar ist: Wenn wir die Jugend nicht ans Handwerk führen, ist unsere Zukunft in Gefahr“, sagt Schwannecke.
Herausforderung Politikkommunikation
Das politische Engagement unter Jugendlichen lag zuletzt auf einem historischen Tief. Gerade einmal 1,5 Prozent aller Jugendlichen sind in einer Partei politisch aktiv. „Viele sehen darin keinen Nutzen. Ich habe im Gespräch mit Schülern immer wieder festgestellt, dass sie große Zukunftssorgen haben und sich fragen, inwieweit sich etwa die Wirtschaftkrise auf ihre Jobchancen auswirken oder ob der Klimawandel bald schon zu einer konkreten Gefahr wird.
Von der Politik bekommen sie darauf aber keine befriedigenden Antworten“, sagt Agnieszka Malcak, die für Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag sitzt. Und das senke bei vielen den Glauben an die Politik.
Dabei ist durchaus großes Potenzial vorhanden. Es muss nur geweckt werden. Oft geschieht dies durch ein bestimmtes politisches Ereignis. „Bei mir zum Beispiel war es der Kosovokrieg. Ich war dagegen und die einzige Partei, die meine Einschätzung vertreten hat, war damals die PDS. Deshalb bin ich der Partei beigetreten und wurde aktiv“, sagt Niema Movassat, Bundestagsabgeordneter von DIE LINKE.
Doch es sind nicht immer die großen Themen, die Jugendliche an Politik heranführen. Manchmal sind es auch Probleme im unmittelbaren Umfeld, die bei Heranwachsenden die Lust aufs Mitgestalten wecken. „Es ist vermessen zu glauben, dass ein 14-jähriger sich für große Weltpolitik interessiert. Ich wollte in diesem Alter etwas in unserem Dorf bewegen und habe mich kommunalpolitisch stark gemacht“, sagt Nadine Müller, CDU-Bundestagsabgeordnete aus dem saarländischen Lebach.
Die Politikverdrossenheit erklärt der Politiknachwuchs auch mit einer veränderten Parteiwahrnehmung unter Jugendlichen. „Vielen Menschen fällt es schwer, sich für eine Partei zu entscheiden. Sie teilen die Parteilinie nur in einigen Fällen, in andern nicht und zögern deshalb, sich einer Gruppe anzuschließen“, glaubt FDP-MdB Florian Bernschneider. „Deshalb ist es sinnvoll, dass Parteien projektbezogen junge Bürger ansprechen.“
Außerdem sei der Auftritt der Parteien oft nicht mehr zeitgemäß. „Jugendliche informieren sich über die Themen, die sie interessieren, in Internet-Foren oder –blogs und nicht am Stand in der Innenstadt. Sie schreiben E-Mails statt anzurufen. Das birgt zwar die Gefahr des Dialogverlusts. Dennoch müssen die Parteien bei diesem Thema dringend aufholen“, sagt SPD-MdB Sönke Rix.
Reizthema Klimawandel
Das sich verändernde Klima beunruhigt Jugendliche besonders stark. Die fünf großen Parteien im Bundestag begegnen dem Thema mit unterschiedlichen Ansätzen und Ideen. Die schwarz-gelbe Regierung hat die Ambitionen zuletzt zurückgeschraubt.
Auf die Frage aus dem Publikum, ob er beim Thema Klimawandel gegen den Defensivkurs seiner Parteispitze vorzugehen plane, reagierte FDP-Mann Florian Bernschneider pragmatisch: „Natürlich müssen wir bei dieser Frage den Finger immer wieder in die Wunde legen. Wir sollten aber auch realistisch bleiben und uns keinen Illusionen hingeben.“
Spannende Denkanstöße
Generell waren sich die Teilnehmer einig, dass den jungen Menschen zu wenig zugetraut werde. „Man sollte Jugendliche nicht bevormunden, sondern ihnen ihre Chancen aufzeigen und ihnen Mut machen“, sagt die CDU-Abgeordnete Müller. Das sieht auch Handwerks-Geschäftsführer Schwannecke so: „Niemand ist im Kindesalter dazu verurteilt, beruflich und sozial zu scheitern. Wir sollten Rahmenbedingungen schaffen, die den Jugendlichen eine bestmögliche Entwicklung ermöglichen.“
Wie die aussehen könnte und welche Bedürfnisse und Werte das Leben der Jugendlichen bestimmen, das ermittelt seit fast 60 Jahren auch die Shell Jugendstudie. Die wissenschaftlich fundierte Befragung, die erstmals 1952 in Auftrag gegeben wurde, liefert immer wieder wertvolle Einblicke in die Lebenswelt von Heranwachsenden. 15 Mal ist die unabhängige Studie bislang erschienen. Mit diesem Instrument stellt Shell eine einzigartige Langzeitberichterstattung über die Lage der jungen Generation in Deutschland zur Verfügung.
„Diese repräsentative Grundlage ermöglicht es uns auch, Entscheidern eine Grundlage für politisches und gesellschaftliches Handeln bereitzustellen“, sagt Ulrich Schneekloth, Leiter des Forschungsbereichs „Familie und Bürgergesellschaft“ von TNS Infratest Sozialforschung und neben Prof. Hurrelmann einer der Autoren der Studie. Im kommenden Jahr nun wird die nächste Ausgabe erscheinen.
Der Shell Dialog hat den Zuhörern schon jetzt einen ersten Eindruck gegeben von der Lebenswelt der Next Generation. Und auch die Macher der Studie haben dazugelernt: „Wir haben heute viele spannende Denkanstöße bekommen, die wir in die Untersuchung einfließen lassen werden“, sagte Jugendforscher Prof. Hurrelmann.
Erfahren Sie mehr über die Shell Jugendstudie und ihre Ergebnisse.

