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Shell Energie-Dialog in Berlin - 12.02.2009
"Finanzkrise vs. Klimaschutz“ - Stehen wir vor dem Ende einer verantwortlichen Energiepolitik?
Referenten
Begrüßung:
- Dr. Peter Blauwhoff,
Vorsitzender der Geschäftsführung, Deutsche Shell Holding GmbH
Podium:
- Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
- Alexander Rahr, Programmdirektor Russland / Eurasien der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik; Autor des Buches „Russland gibt Gas“
- Herbert Reul, MdEP, EVP-ED-Fraktion im Europäischen Parlament;
Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie des Europäischen Parlaments - Karl Rose, Chief Strategist, Shell International B.V.
- Sven Teske, Director of the Renewable Energy Campaign, Greenpeace International
Schlußwort:
- Prof. Dr. Eberhard Sandschneider, Otto Wolff-Direktor des Forschungsinstitutes der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik
Moderator:
- Andreas Mihm, Hauptstadtkorrespondent, Frankfurter Allgemeine Zeitung
„Die Welt braucht doppelt so viel Energie, aber nur halb so viel CO2“
Experten beim Shell Energie-Dialog in Berlin sind sich einig: Finanzkrise darf nicht zum Bremsklotz für den Klimaschutz werden.
Von Sebastian Meissner
„Klimaschutz kostet Geld“. Mit dieser einfachen Feststellung eröffnete gestern Dr. Peter M. Blauwhoff, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Shell Holding, den ersten Shell Energie-Dialog des Jahres 2009 in Berlin. Und lieferte gleich die zentralen Fragen mit: Können wir uns Klimaschutz überhaupt noch leisten? Und wie sieht in Zeiten der Rezession eine verantwortungsvolle Klimapolitik aus?
Antworten auf diese Fragen suchten in Berlin Matthias Machnig (Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit), Herbert Reul (Abgeordneter im Europäischen Parlament und Mitglied des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie), Alexander Rahr (Programmdirektor für Russland und Eurasien der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.) Sven Teske (Director of the Renewable Energy Campaign, Greenpeace International) sowie Karl Rose (Chief Strategist, Shell International B.V.). Moderiert wurde der Shell-Klimagipfel „Finanzkrise vs. Klimaschutz – Stehen wir vor dem Ende einer verantwortlichen Energiepolitik?“ von Andreas Mihm, Hauptstadtkorrespondent bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Große Herausforderung
Den Klimawandel zu stoppen – auch ohne Finanzkrise ist die Herausforderung immens: Im Jahr 2050 werden rund neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die weltweite Nachfrage nach Energie wird sich bis dahin verdoppeln. Vor allem in den Schwellenländern China und Indien wird der Verbrauch explodieren. Auf der anderen Seite wird die Sicherstellung der Versorgung mit Öl und Gas immer schwieriger. Gleichzeitig geht es darum, die Emission klimaschädlicher Gase, vor allem CO2, zu begrenzen.
„Die Welt braucht doppelt so viel Energie, verträgt aber nur halb so viel CO2“, sagt Shell Deutschland-Chef Dr. Blauwhoff. Noch drastischer stellt sich die Lage dar, wenn man den Empfehlungen des Weltklimarats IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) folgt. Demnach müsste die CO2-Reduktion in den Industriestaaten bis 2050 auf bis zu 95 Prozent steigen. Mit den heutigen Technologien kann der Ausstoß allerdings maximal um bis zu 40 Prozent gesenkt werden. Eine aussichtslose Lage?
Politische Rahmenbedingungen
„Klar ist, dass wir vor der größten zivilisatorischen Aufgabe seit mindestens 90 Jahren stehen. Jetzt sind einschneidende Maßnahmen gefordert. Was wir brauchen, ist nichts weniger als die dritte industrielle Revolution“, sagt Umweltstaatssekretär Machnig – und sieht die Krise als Chance: „Grüne Technologie kann der große Wachstumstreiber werden. Wenn wir beweisen, dass die Themen Nachhaltigkeit, Wachstum und Beschäftigung Hand in Hand gehen, wird der Wirtschaftsstandort Deutschland weltweit an der Spitze stehen.“
Wichtig dafür seien vor allem verlässliche politische Rahmenbedingungen. Das von der EU im Dezember 2008 beschlossene Klimaschutzpaket sei ein erstes wichtiges Signal gewesen, um die Schwellenländer China und Indien – aber auch die USA – mit ins Boot zu holen. Den Kontrapunkt zu dieser These lieferte EU-Parlamentarier Herbert Reul: „Nicht die Politik soll die Entwicklung durch Gesetze vorgeben, sondern der Markt.“
Wie wichtig politische Rahmenbedingungen jedoch sein können, zeigt der Gas-Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. „Auch Deutschland bleibt in den nächsten 15 bis 20 Jahren von den Gaslieferungen aus Russland abhängig“, sagt Russland-Experte Alexander Rahr. Gute politische Beziehungen – auch zu den Transitländern Polen, Ukraine und Weißrussland – seien deshalb unerlässlich. In diesem Fall habe die Finanzkrise auch ihr Gutes. „Die Krise hat Russland schwer getroffen, der Rohstoffpreis ist gesunken.
Vor allem aber haben die Russen erkannt, dass sie sich mit unserem Geld modernisieren müssen und auf westliches Know-how angewiesen sind“, sagt Rahr. Hier gelte es, in Zukunft den Wissenstransfer zu intensivieren.
Erneuerbare Energien
Ein weiterer Hoffnungsträger für die Reduktion von CO2-Gasen sind Erneuerbare Energien. Hier ist der Handlungsspielraum in Deutschland längst noch nicht ausgeschöpft. Beispiel Windenergie: Auf dem Land gibt es in Deutschland kaum noch freie Flächen für weitere Windräder. Zuwächse lassen sich hier im wesentlichen dadurch erzielen, dass man die alten Anlagen durch effizientere Modelle ersetzt.
Im Offshore-Bereich bieten Ost- und Nordsee dagegen noch Kapazität für bis zu 50.000 weitere Windenergieanlagen. Sven Teske von Greenpeace International setzt vor allem auf die Europäisierung der Klimapolitik. „Wir müssen raus aus der energiepolitischen Kleinstaaterei. Die einzelnen Länder in Europa haben unterschiedliche Potenziale, die es zu bündeln gilt. Im Norden haben wir den Wind, im Süden die Sonne. Was fehlt, ist eine intakte Nutzungsstruktur, von der alle gewinnbringend profitieren.“
Neue Technologien
Einig waren sich alle Teilnehmer beim Shell Energie-Dialog, dass es keinen energiepolitischen Königsweg gibt. Fossile Brennstoffe werden schon aus Kostengründen und wegen der Versorgungssicherheit auch künftig einen hohen Anteil am Energiemix behalten. Doch um den bedrohlichen Klimawandel aufzuhalten, müssen neue Umwelttechnologien erforscht, entwickelt und umgesetzt werden. Umso wichtiger ist es, dass Investoren trotz Finanz- und Wirtschaftskrise aussichtsreiche Projekte unterstützen.
Shell hat im vergangenen Jahr rund 32 Milliarden Dollar in die Forschung investiert – so viel wie noch nie zuvor in der Unternehmensgeschichte. Dieses Niveau soll gehalten werden: „Unser Investitionsvolumen bleibt auch in diesem Jahr unverändert – trotz Krise“, sagt Shell Chief Strategist Karl Rose.
Eine verheißungsvolle Technologie ist das sogenannte CCS (Carbon Capture and Storage), eine Methode der CO2-Abscheidung und -Speicherung. Machnig kündigte hierzu einen Gesetzesentwurf für Mitte März an – und formuliert gleich hohe Ziele: „Ich möchte, dass Deutschland bei CCS Technologieführer wird.“ Greenpeace-Experte Teske sieht das eher skeptisch. „Wir brauchen keine Brückentechnologie, die teuer ist und von der niemand heute sagen kann, wie erfolgreich sie tatsächlich ist.
Unser Ansatz muss es in erster Linie sein, effizienter zu werden.“ Nur indem sehr schnell und vor allem im globalen Maßstab alle technologischen Möglichkeiten genutzt werden, sparsamer mit den Energie-Ressourcen umzugehen, könne die Menschheit dem Klimawandel nachhaltig begegnen.
Es gibt keinen Königsweg
Viele Probleme, verschiedene Lösungen: Der Shell Energie Dialog hat deutlich gemacht, dass wir noch weit entfernt sind von einer klimaschonenden und verantwortungsvollen Energiepolitik. Die Wege dorthin sind unterschiedlich – doch über die Notwendigkeit sind sich Politiker, Wissenschaftler, Umweltschützer und Unternehmer einig.
Dazu mögen auch die Lehren aus der Finanzkrise beigetragen haben: „Wir wissen nun, dass es klüger ist, einen Brand zu verhindern als ein Feuer zu löschen“, sagt Shell Deutschland-Chef Dr. Blauwhoff.

