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Shell Energie-Dialog in Berlin - 13.09.2011

Europas Energiezukunft im globalen Kontext

Begrüßung

Referenten

Schlusswort

  • Paul Freiherr von Maltzahn,
    Geschäftsführender stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V. (DGAP)

Moderation

  • Henning Krumrey,
    Stellvertretender Chefredakteur der Wirtschaftswoche

Stabile Lösungen für turbulente Zeiten

Shell Energie-Dialog in Berlin

Henning Krumrey, Dr. Peter Blauwhoff, Prof. Dr. Claudia Kemfert, Paul Freiherr von Maltzahn, Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Peter Voser (v.l.n.r.)

Sicher, umweltfreundlich, bezahlbar: So soll der Energiemix der Zukunft aussehen. Der vorgezogene Atomausstieg und die angestrebten Quoten für erneuerbare Energien machen neue Lösungen erforderlich. Die Experten beim jüngsten Shell Energie-Dialog in Berlin schauten dennoch optimistisch in die Zukunft – und setzen kurz- und mittelfristig vor allem auf Erdgas.

von SEBASTIAN MEISSNER

Die Katastrophe in Fukushima wirkt noch immer nach. Ein halbes Jahr nach dem Reaktorunfall wird der grundlegende Umbau des europäischen Energiesystems noch intensiver betrieben als zuvor. Deutschland hat in diesem Zusammenhang den vorzeitigen Atomausstieg beschlossen. Doch der Spagat zwischen ökologischen und ökonomischen Ansprüchen wird zur Kraftprobe. Denn Fakt ist auch: Die weltweite Nachfrage nach Energie wird sich in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln, wenn nicht verdreifachen – und den Druck auf Preise, Ressourcen und Umwelt erheblich erhöhen.

Für die heimische Industrie bedeutete bereits das Energiekonzept der Bundesregierung aus dem Oktober 2010, wonach bis zum Jahr 2050 die Hälfte an Energie eingespart und 80 Prozent aller Energie aus regenerativen Quellen gewonnen werden soll, eine große Herausforderung. „Durch den Beschluss zum beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie ist diese Aufgabe noch einmal deutlich größer geworden“, sagte Dr. Peter Blauwhoff, Vorsitzender der Geschäftsführung Deutsche Shell Holding, in seiner Begrüßung zum Shell Energie Dialog im Berliner E-Werk.

Rund 400 Gäste kamen zu der Veranstaltung, die von Henning Krumrey, stellvertretender Chefredakteur der Wirtschaftswoche, moderiert wurde.

Erhebliche Turbulenzen

Peter Voser, Chief Executive Officer Royal Dutch Shell

Peter Voser, Chief Executive Officer Royal Dutch Shell

„In den letzten Jahrzehnten galt die sichere Energieversorgung quasi als Naturgesetz“, sagte Peter Voser, Chief Executive Officer Royal Dutch Shell. Doch diese Zeiten nähern sich dem Ende. Aufgrund des rasant steigenden Energiebedarfs rechnet Voser in den kommenden Jahrzehnten mit erheblichen Turbulenzen, die in ihrer Bedeutung weit über aktuelle Probleme wie etwa der Krise an den Weltfinanzmärkten hinausgehen könnten: „Mit steigender Weltbevölkerung und wachsendem Wohlstand steigt auch die Nachfrage nach elementaren Dingen wie Lebensmitteln und Wasser.

Die Tatsache, dass für die Bereitstellung von Energie Wasser benötigt wird und dass Veränderungen des Klimas Auswirkungen auf den Wasserhaushalt haben, lässt erahnen, dass es keinen Königsweg in eine nachhaltige Energiezukunft gibt. Es gibt keine einfachen Lösungen, die nicht an anderen Stellen neue Fragen aufwerfen.“

Prof. Dr. Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, verglich den Umbau der Energieerzeugung mit einer Operation am offenen Herzen, machte aber gleichzeitig Mut: „Wir haben zwar einen kranken Patienten, dafür aber zahlreiche qualifizierte Chirurgen und Krankenschwestern mit dem nötigen Fingerspitzengefühl, die helfen wollen.“ 

Ihre Prognose: Technisch sind die Ziele erreichbar, aber bei der gesellschaftlichen Akzeptanz stehe noch viel Arbeit bevor. „Atomenergie ist zu gefährlich, Kohle zu dreckig, Gas führt in die Abhängigkeit und Windräder will niemand vor seiner Haustür haben. Hier gilt es, die Bürger umfassend zu informieren und aufzuklären“, sagte die Ökonomin. Ein wichtiger Punkt sei hier auch die Speicherung von Energie, die in der öffentlichen Diskussion bislang aber nur selten beachtet werde.

Ungenutztes Potenzial

Prof. Dr. Claudia Kemfert

Prof. Dr. Claudia Kemfert

Die von der Bundesregierung geforderten Einsparungen sollen vor allem durch gesetzliche Auflagen bei der Gebäudesanierung realisiert werden. Bei Neubauten trägt die Auflage bereits heute Früchte. Um auch bei Bestandsgebäuden das Ziel zu erreichen, forderte Prof. Kemfert eine Aufstockung der Fördermittel für Gebäudesanierungen auf 1,5 Milliarden Euro.

Der Umweltwissenschaftler und Klimaexperte Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker sieht beim Thema Einsparung noch reichlich ungenutztes Potenzial. „Wir brauchen nur deshalb immer mehr Energie, weil die Wirtschaft uns einbläut, sie weiterhin zu verschwenden. Wir müssen dringend dafür sorgen, dass wir dramatisch effizienter werden und unseren Verbrauch auf eine ökologisch tragbare Basis stellen.“ Ein Instrument dafür könnten Höchstgrenzen beim Energieverbrauch sein, von denen besonders energieintensive Branchen mit Sondergenehmigungen ausgenommen werden könnten.

Hoffnungsträger Erdgas

Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker

Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker

Eine besondere Herausforderung, darin waren sich alle Experten einig, ist die Gestaltung des Energiemixes der Zukunft.  Peter Voser, Chief Executive Officer Royal Dutch Shell, begrüßte den Ausbau der erneuerbaren Energien, sieht aber natürliche Grenzen. Trotz massiver weltweiter Anstrengungen werde der Anteil von Energie aus regenerativen Quellen wie Wind, Solar oder Biomasse im Jahr 2050 nur bei etwa 30 Prozent liegen. Ohne die anderen Energieträger – Kernenergie, Kohle, Öl und Gas – gehe es also auch in Zukunft nicht.

Deutschland stehe beim angestrebten raschen Ausstieg aus der Kernenergie vor einer Herausforderung. „Erneuerbare Energien alleine werden die entstehende Lücke kurzfristig nicht füllen können. Ihre Gewinnung ist außerdem kapital-, und die Schaffung der dafür nötigen Infrastruktur zeitintensiv.“

Shell setze daher verstärkt auf Gas. „Es ist ausreichend verfügbar, wirtschaftlich und nachhaltig. Erdgasbefeuerte Kraftwerke stoßen 50 bis 70 Prozent weniger CO2 aus als Kohlekraftwerke und können somit den diskontinuierlich erzeugten Strom aus Windenergie- und Solaranlagen gut ergänzen.“ Weiterer Vorteil von Gas: Europa ist aufgrund seiner geografischen Lage an rund 70 Prozent aller Versorgerländer angeschlossen und Gas gibt es im Überangebot.

Auch Energieexpertin Kemfert befürwortete den verstärkten Einsatz von Erdgas. „Durch die Abkehr vom Atomstrom erleben wir aktuell eine Renaissance der Kohle – mit der Folge, dass die Klimaziele nicht erreicht werden können. Gas ist weniger klimaschädlich, benötigt nur geringe Investitionskosten, ist leicht hoch- und runterfahrbar, effektiv und für Mobilität auch als Ersatz für Öl möglich“, sagte sie. 

Eine Kohlerenaissance könnte die Einführung eines globalen CO2-Preises verhindern. Die internationalen Verhandlungen zu diesem Thema waren jedoch bislang nicht erfolgreich. „Die Entwicklungsländer pochen auf ihr Wachstumsrecht, die USA fürchten um ihre Vorrangstellung, und Europa wagt den Schritt nicht ohne die Amerikaner. Ich plädiere dafür, mit Asien und einer Mehrzahl der Entwicklungsländer eine Allianz zu gründen und den Schritt ohne die USA zu gehen. Wenn das gelingt, wird die Wall Street den Druck auf die Regierung soweit erhöhen, dass auch die USA mit ins Boot springt“, sagte Prof. von Weizsäcker.

Mobilität durch Biokraftstoffe

Shell Energie-Dialog

Vor dem Hintergrund der energiepolitischen Ziele erfordert auch das Thema Mobilität neue Lösungen. Peter Voser geht davon aus, dass in den nächsten zwei Jahrzehnten Biokraftstoffe von allen Kraftstoffen den größten Beitrag zur CO2-Reduzierung leisten können. Voraussetzung dafür seien allerdings entsprechende Biokraftstoff-Mandate der Regierungen.

Der Stolperstart mit dem Kraftstoff E10 habe die Vorteile einer erhöhten Beimischung von Biokraftstoff in den Hintergrund gedrängt. „Politik, Industrie und Verbände sind nun gefordert, den Verbrauchern die Sicherheit zurückzugeben, dass der Motor keinen Schaden nimmt und der Kraftstoff nachhaltig erzeugt wird“, so Voser. Dabei sieht er auch das eigene Unternehmen in der Verantwortung: „Shell hat bereits seit Jahren Nachhaltigkeitsstandards für die Biokraftstoffe auf der Agenda und arbeitet an der nächsten Generation von Biokraftstoffen, die etwa aus landwirtschaftlichen Abfällen gewonnen werden. Diesen Ansatz gilt es weiter zu verfolgen.“

Auch Dr. Peter Blauwhoff verwies auf die Verdienste der  Deutschen Shell Holding: „Wir verwenden energieeffiziente Kraft-, Schmier- und Biokraftstoffe und stellen das wohl größte Forschungs- und Entwicklungsbudget sowie den größten Investitionsetat in unserer Branche zur Erschließung neuer Energiequellen zur Verfügung.“

Positives Fazit

Trotz der enormen Herausforderungen sehen die Experten optimistisch in die Zukunft. „Ich sehe deutlich mehr Chancen als Risiken. Wenn wir es klug machen, werden die Ziele erreicht, ohne dass der Strompreis exorbitant steigt. Außerdem kann die Energiewende zu einem Konjunkturmotor werden, von dem alle profitieren“, sagte Prof. Kemfert.

Peter Voser wünscht sich von der Politik vor allem mehr Planungssicherheit: „Die Regierung muss klare Rahmenbedingungen vorgeben und der Industrie somit ermöglichen, in die Entwicklung innovativer Produkte zu investieren. Eine Kampflösung, die auch noch teuer ist, hilft niemandem.“

Der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Paul Freiherr von Maltzahn, beschloss die angeregte Diskussion. „Der ständige Dialog zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik ist Voraussetzung für die Bewältigung dieser großen Herausforderung.“ Der Shell Energie-Dialog lieferte dazu auch diesmal wieder einen wichtigen Beitrag.   

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