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Shell Energie-Dialog in Hamburg - 08.12.2011

Energiewende vor der Bewährungsprobe

Begrüßung

  • Dr. Peter Blauwhoff, Vorsitzender der Geschäftsführung, Deutsche Shell Holding GmbH

Referenten

Dr. Jörg Adolf, Chefvolkswirt Shell in Deutschland

Dr. Jörg Adolf, Chefvolkswirt Shell in Deutschland

Von Sebastian Meissner


Während sich der weltweite Energieverbrauch bis 2050 verdoppeln wird, will Deutschland seinen Verbrauch im selben Zeitraum halbieren – und das trotz beschleunigtem Atomausstieg und strenger CO2-Auflagen. Beim Shell Energie-Dialog in Hamburg diskutierten Experten und Zuschauer über mögliche Lösungswege und Zuständigkeiten von Politik, Wirtschaft und Verbraucher.

Sieben Milliarden: So viele Menschen leben inzwischen auf der Erde. Und bis Mitte des Jahrhunderts summiert sich die Zahl der Erdbewohner somit auf mindestens neun Milliarden.

Die Auswirkungen auf den Energieverbrauch sind immens: „Bis 2050 wird er sich voraussichtlich verdoppeln“, so Dr. Peter Blauwhoff, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutsche Shell Holding, in seiner Begrüßungsrede im Hamburger Curio-Haus.

Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI)

Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI)

Gegen den Trend

Während die globale Nachfrage nach Energie unaufhörlich steigt, hat die Bundesregierung für Deutschland die Energiewende eingeläutet. Bis 2050 soll der Primärenergieverbrauch um die Hälfte gesenkt, die Co2-Emissionen sollen sogar um mindestens 80 Prozent reduziert werden. Eine Herausforderung, die vor dem Hintergrund des beschleunigten Atomausstiegs noch einmal deutlich größer wird.

Dass am Atomausstieg Deutschlands noch einmal gerüttelt werde, hielt keiner der Referenten für möglich. „Seit Fukushima ist es amtlich: Diese Entscheidung wird sicher nicht mehr revidiert“, sagte Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch.

„Die Klimaziele der Bundesregierung an sich sind vollkommen richtig. Aber das vorgegebene Tempo gleicht einem Parforceritt und sorgt für eine immense Schieflage“ so Horch. Es gebe noch kein gesundes Gleichgewicht zwischen den drei Säulen Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und Umweltverträglichkeit.

Sicher ist, dass sich der Energiemix ändern wird. Eine wichtige Säule für den Ausbau der Erneuerbaren Energien sei der Ausbau der Netze. „Damit müssen wir das Auseinanderfallen örtlicher und zeitlicher Energieproduktion kompensieren“, forderte Prof. Straubhaar. Auch Speichertechnologien müssten weiter verbessert werden.

Global gesehen, werde sich der Anteil Erneuerbarer Energien bis zur Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich auf etwa 30 Prozent nahezu verdoppeln. „Das heißt zugleich, dass die fossilen Energieträger – Kohle, Öl und Gas – auch in Zukunft dominant sein werden“, so Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI).
 

Frank Horch, Wirtschaftssenator Hamburg

Frank Horch, Wirtschaftssenator Hamburg

Einschnitte für den Privatverbraucher

Auch der Verbraucher werde sich auf Änderungen seiner Lebensgewohnheiten einstellen müssen. Zum Beispiel mussten die Deutschen noch nie so viel fürs Tanken zahlen wie in diesem Jahr. Ein Trend, der anhalten könnte.

„Bis 2050 wird sich die weltweite Pkw-Flotte verdreifachen und die Lkw-Flotte verdoppeln. Deshalb wird der Ausbau alternativer Kraftstoffe zu einer wichtigen Aufgabe im Verkehrssektor“, sagte Shell Volkswirt Dr. Jörg Adolf.

Eine besondere Herausforderung für die Zukunft sei die Produktion des Treibhausgases CO2: Aktuell verbraucht jeder Deutsche im Schnitt 9,8 Tonnen CO2 pro Jahr. Damit liegt Deutschland im weltweiten Vergleich im Mittelfeld. Größter Pro-Kopf-Emittent ist die USA (18,4 t/a). Zum Vergleich: Jeder Inder produziert jährlich 1,3 t.

Was kann die Bundesrepublik tun? Hier sahen die Referenten unter anderem in der Gebäudesanierung ein wertvolles Instrument. Allerdings kam die Sanierungswelle zuletzt ins Stocken. „Die Bundesregierung hat den Bürgern erst eine Möhre hingehalten und sie dann wieder zurückgezogen. Was wir brauchen, ist aber eine verlässliche Basis, die Sicherheit für Investitionen schafft“, sagt Shell Volkswirt Dr. Adolf. Nur so könne das Ziel von 40 Millionen sanierten Wohnungen in Deutschland erreicht werden.

HHWI-Leiter Straubhaar rückte auch das Thema Energieeinsparung in Privathaushalten in den Fokus. Er stellte die Frage, wie Wohlstand in Zukunft aussehen könne. „Es bringt nichts, wenn die Geräte immer sparsamer werden, wir uns aber gleichzeitig immer mehr davon anschaffen.“

Ändern müsse sich auch die Haltung innerhalb der Bevölkerung. „Oft mangelt es an Akzeptanz zum Beispiel beim Ausbau von Windkraftanlagen oder Stromtrassen. Das verlangsamt Genehmigungsprozesse und behindert die großen Ziele“, so Straubhaar.

Dr. Peter Blauwhoff, Vorsitzender der Geschäftsführung, Deutsche Shell Holding GmbH

Dr. Peter Blauwhoff, Vorsitzender der Geschäftsführung, Deutsche Shell Holding GmbH

Planungssicherheit für den Industriestandort

Ausführlich thematisierten die Referenten auch die Auswirkungen der Energiewende auf den Industriestandort Deutschland. Der energiepolitische Kurswechsel verschlingt bis zur Abschaltung des letzten Kernkraftwerks im Jahr 2022 einen hohen dreistelligen Milliardenbetrag.

Der gigantische Investitionsbedarf werde sich bei Verbrauchern und Industrie durch höhere Preise für Strom bemerkbar machen. Aufgabe sei es, die Energieziele in Einklang zu bringen mit den wirtschaftlichen Ambitionen des Landes.

„Im Bereich Energieeinsparung und -effizienz hat die deutsche Wirtschaft in den letzten Jahre enorme Fortschritte gemacht“, so Wirtschaftssenator Horch. Hohe gesetzliche Auflagen würden aber die Gefahr bergen, dass Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Horch lenkte den Blick deshalb über die Landesgrenzen hinaus: „Wir brauchen internationale Vorgaben, die für alle verbindlich sind und den Wettbewerb fördern.“

Nach der Diskussion mit dem Publikum bat Moderator Rainer Wiek die Referenten um eine Einschätzung, ob die Ziele der Bundesregierung erreicht werden würden: Während Shell Chefvolkswirt Dr. Adolf und Wissenschaftsvertreter Straubhaar sich wegen der fehlenden Infrastruktur eher skeptisch äußerten, überwog bei Politiker Horch der Optimismus: „Wir kennen das Ziel und haben uns auf den Weg gemacht. Jetzt müssen wir nur zeigen, dass wir laufen können.“