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Shell Energie-Dialog in Köln - 14.11.2011

„Energiewende vor der Bewährungsprobe”

Begrüßung

Referenten

Gerüstet für die Jahrhundertaufgabe

NRW-Umweltminister Johannes Remmel

NRW-Umweltminister Johannes Remmel

50 Prozent weniger Energieverbrauch, 80 Prozent weniger Treibhausgase:  Ambitionierter könnten die Ziele der deutschen Energiepolitik bis 2050 kaum sein. Beim Shell Energie-Dialog in Köln diskutierten Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Energiewende und welchen Beitrag die Industrie leisten kann.

von SEBASTIAN MEISSNER

„Griechenland am Abgrund, Italien auf dem Weg dahin – die anhaltende Eurokrise hat in den vergangenen Wochen ein anderes zentrales Thema unserer Zeit in den Hintergrund gedrängt: den Klimawandel. Dabei hat er durch Naturkatastrophen und steigende Rohstoffpreise längst auch unseren Alltag erreicht“, sagte Thomas Reisener, Wirtschaftskorrespondenten der „Rheinischen Post“ und Moderator des Shell Energie-Dialogs bei seiner Eröffnungsrede in Köln.

Rund 150 Gäste kamen zu der Veranstaltung, die seit ihrer Einführung im Jahr 2007 nun bereits zum vierten Mal in Nordrhein-Westfalen stattfand.

Schuldenkrise versus Klimaschutz

Die Themen Euro-Schuldenkrise und Klimawandel liegen eng beieinander. Denn der Kampf um den Euro hat auch direkte Auswirkungen auf die Energiepolitik. Das Geld, mit dem nun die Finanzlöcher Not leidender Länder gestopft werden, fehlt möglicherweise bei der Entwicklung neuer Technologien und Konzepte für die Klimaziele. Ein Finanzierungsstopp, den sich der Mensch kaum leisten kann - denn der weltweite Energiebedarf ist in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert: ein Viertel mehr Öl, ein Drittel mehr Gas, fast 40 Prozent mehr Kohle.

Und der Trend hält an: Bedingt durch ein starkes Wirtschaftswachstum in den boomenden Schwellenländern wird sich die globale Energienachfrage bis 2050 voraussichtlich verdoppeln.

Prof. Dr. Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie

Prof. Dr. Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie

Mit einer neuen Energiepolitik will Deutschland diesen Trend durchbrechen. Das ambitionierte Ziel der Bundesregierung: Bis 2050 sollen der Primärenergieverbrauch um 50 Prozent und die Treibhausgas-Emissionen sogar um 80 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden.

Doch die Hürden bei der Umsetzung der Vorgaben sind enorm: hohe Kosten für erneuerbare Energien, beschleunigter Atomausstieg bis 2020, mangelnde Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung bei der Umsetzung großer Infrastrukturprojekten wie z.B. Windparks oder Wasser-Kraftwerke.

Einer muss vorangehen

„Die viel zitierte Energiewende ist die zentrale Jahrhundertaufgabe des Menschen. Weil es keine verbindlichen Vorgaben für die einzelnen Staaten gibt, muss einer jetzt vorangehen. Der Wandel wird nur gelingen, wenn es Länder gibt, die ein Stück Pionierarbeit leisten und so eine Vorbildfunktion für potenzielle Nachahmer übernehmen“, sagte NRW-Umweltminister Johannes Remmel.

Er erwartet einen harten Kurs: „Wenn wir unser Ziel beibehalten wollen, die Erderwärmung bis 2050 auf maximal 2° C zu begrenzen, bedeutet das einen spürbaren Einschnitt in unser aller Lebensweise“.

Umdenken sei nötig: Deutschland liege im Ranking der energiehungrigsten Länder auf Rang sieben – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Umwelt: „Aktuell verbraucht jeder Deutsche im Schnitt etwa zehn Tonnen Co2 pro Jahr. In Zukunft muss der Pro-Kopf-Verbrauch zwischen einer und zwei Tonnen pro Jahr liegen, also auf einem Niveau, das aktuell nur Indien erreicht“, so der Minister.

Shell Chefvolkswirt Dr. Jörg Adolf

Shell Chefvolkswirt Dr. Jörg Adolf

„Ökologisch-Industrielle Revolution“

Remmel will die Industrie in die Pflicht nehmen. Für ihn steht fest: Die Ziele sind nur zu erreichen mit einer ökologisch-industriellen Revolution. Es brauche neue Patente, um diese Herausforderung meistern zu können. Hier sieht der Minister auch hohes wirtschaftliches Potenzial.

„Die besten Lösungen werden sich global durchsetzen und ihre Urheber werden davon wirtschaftlich profitieren“, so Remmel. Der Mut zur Investition in neue Technologien sei also auch ein Rennen um die wirtschaftliche Vormachtstellung im Bereich Nachhaltigkeit. Und das gelte nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern für ganz Deutschland. Schließlich gehe es darum, die hervorragende Stellung auf den Exportmärkten zu stabilisieren.

Dem Standort NRW traut er dabei eine tragende Rolle zu. Mit der heimischen chemischen Industrie, der Stahl- und Aluminiumfertigung, dem Know-how in Logistik und dem hohen Bildungsniveau seien in NRW traditionell alle Grundkomponenten gegeben. Remmel: „Schon heute wird jedes zweite Getriebe in Windenergieanlagen in unserem Bundesland gefertigt. Diese Kompetenzen gilt es nun weiter auszubauen.“

Politik ist gefordert

Auch Prof. Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, appelliert an den Entwicklergeist der Deutschen, vor allem im Bereich Speicher- und Hybridsystemen. „Wir stehen allerdings vor der großen Herausforderung, die neuen Technologien kompatibel mit den konventionellen Technologien gestalten zu müssen. Außerdem sind Pilotprojekte oft mit hohen Investitionen verbunden, die unter Umständen erst Jahre später wieder eingespielt werden können“, so der Klimaexperte. Er nimmt daher die Bundesregierung in die Pflicht, verlässliche finanzielle Förderinstrumente bereitzustellen.

Doch der Klimawandel sei nicht nur Aufgabe der Industrie. Auch Verbraucher könnten einen wertvollen Beitrag leisten. Beispiel: energetische Gebäudesanierung. Häuser verursachen in Deutschland rund ein Drittel der hiesigen Co2-Emissionen.

„Unser Ziel müssen klimaneutrale Null-Emissions-Häuser sein“, sagte zum Beispiel Umweltminister Remmel. Was bei Neubauten funktioniert, kam bei Bestandsgebäuden wegen der Schwankungen bei den KfW-Krediten zuletzt etwas ins Stocken. „Unsicherheiten sind wenig hilfreich. Auch hier gilt es, den Immobilienbesitzern wieder verlässliche und attraktive Rahmenbedingungen anzubieten und die Sanierungsrate schnell zu verdoppeln“, sagte Dr. Jörg Adolf, Chefvolkswirt der Shell Deutschland.

Die Experten waren sich einig darin, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung für infrastrukturelle Maßnahmen steigen müsse. „Der Handlungsbedarf steigt stetig. Und er wird zu Maßnahmen führen, die Kompromisse erfordern. Wer aber seinen Kindern eine intakte und sichere Welt übergeben möchte, der muss zur Not auch mal einen Windpark vor der Haustür akzeptieren“, so Dr. Adolf.

Erdgas im Kommen

Der Shell Chefvolkswirt lieferte außerdem Einblicke in den Mobilitätsmarkt. „Prognosen gehen davon aus, dass die weltweite Pkw-Flotte bis Mitte des Jahrhunderts von derzeit 750 Millionen auf zwei Milliarden steigen wird. Wenn man die Entwicklung in China in den letzten Jahren zugrunde legt, muss man die Zahlen allerdings wahrscheinlich noch nach oben korrigieren“, so Adolf. Hier gelte es, die Kraftstoffbilanz zu verbessern.

Biokraftstoffe ergänzen Öl und Gas

Der Anfang des Jahres eingeführte Biokraftstoff E10 allerdings war innerhalb der Bevölkerung jedoch auf Ablehnung gestoßen. Unsicherheiten über die Verträglichkeit sowie Zweifel an der Nachhaltigkeit hätten den Durchbruch verhindert. Eine Fehlwahrnehmung nach Meinung des Shell Chefvolkswirts, bei dessen Korrektur sich Adolf auch mehr Rückendeckung von der Regierung erhofft hätte.

Der Shell Vertreter sieht nachhaltige Biokraftstoffe aber weiterhin als wichtige Ergänzung zu Öl und Erdgas. In Brasilien investiert Shell aktuell in die CO2-ärmsten Biokraftstoffe aus Zuckerrohr und Ethanol und arbeitet darüber hinaus aktiv an Biokraftstoffen der zweiten Generation, die nicht aus Lebens- und Nahrungsmittelpflanzen hergestellt werden.

Auch die Bereitstellung von mehr Erdgas als kohlenstoffärmster fossiler Energieträger spielt in der Shell Strategie der Zukunft eine zentrale Rolle. „Ab 2012 werden wir weltweit mehr Erdgas fördern als Erdöl“, sagte Bram Steenks, Direktor der Shell Rheinland Raffinerie in Köln.

Weiterer Diskussionsbedarf

Am Ende der Veranstaltung überließ Moderator Thomas Reisener dem Publikum das Wort. Es sollte darüber abstimmen, ob es die Ziele der Bundesregierung für realistisch halte oder nicht. Das Ergebnis: ein klares Unentschieden – ein Zeichen dafür, dass es noch reichlich Diskussionsbedarf gibt. Denn trotz Euro-Krise bleibt das Thema Klimawandel bei Shell ganz oben auf der Agenda.

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