Es ist eine Revolution: Noch 2008 war Russland weltweit größter Produzent von Erdgas. Dann begannen die USA, Schiefergas aus tief liegenden dichten Gesteinsschichten zu fördern. Das so genannte „Fracking“ hat die politischen Rahmenbedingungen verändert: Seit 2009 sind die USA größter Gasproduzent der Welt, in wenigen Jahren könnten sie zum Gasexporteur werden. Berechnungen gehen sogar davon aus, dass Amerika bis 2025 vollständig unabhängig von Energieimporten sein könnte. Welche energie-, wirtschafts-, klima- und geopolitische Folgen das auch für Europa und Deutschland haben kann, diskutierten Experten beim Shell Energie Dialog in Berlin vor rund 200 Zuschauern.

Verbesserte Wettbewerbsfähigkeit

„Die große Verfügbarkeit von Schiefergas und die daraus resultierenden niedrigeren Energiepreise führen nach Jahren der Deindustrialisierung der USA zu einer signifikant verbesserten Wettbewerbsfähigkeit ihrer Chemie- und energieintensiven Industrie“, erklärte Prof. Matthias Bichsel, Executive Director der Royal Dutch Shell. Industriekunden zahlen jenseits des Atlantiks weniger als die Hälfte für Energie. Die Folge: Auch deutsche Unternehmen lenken zunehmend Investitionen zur Produktionsausweitung nach Nordamerika. Dies erhöhe den Druck auf die deutsche Wirtschaft.

Rückzug aus Krisengebieten

Die neu gewonnene Unabhängigkeit von den Rohstoffen anderer Regionen könnte auch die Rolle der USA in den Krisengebieten im Mittleren und Nahen Osten verändern. Bislang hat Nordamerika dort als Ordnungsmacht fungiert – im eigenen und im europäischen Interesse. Einen vollständigen Rückzug der USA aufgrund der veränderten geostrategischen Situation befürchtet Niels Annen, außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, aber nicht: „Die Amerikaner werden auch in Zukunft gegen den Terror und für den Schutz Israels kämpfen“.

Deutschland müsse diese Entwicklung jedoch im Auge behalten. Die Unruhe im Nahen und Mittleren Osten sowie der Russland-Ukraine-Konflikt hätten deutlich gezeigt, dass die Energieversorgung auch von der Stabilität der politischen Staatenbeziehungen abhängig sei. „Ich bin überzeugt, dass es zum russischen Öl und Gas in absehbarer Zukunft keine echte Alternative gibt“, so Annen.

Auch Professor Dr. Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, geht nicht von einem vollständigen Rückzug der USA aus den Krisengebieten aus: Zu sehr seien die Volkswirtschaften miteinander verflochten. Eine Unterbrechung oder signifikante Verteuerung der europäischen Energieversorgung hätten auch gravierende Auswirkungen auf die Wirtschaft in Nordamerika. Dennoch hält Perthes eine Verringerung der amerikanischen Aktivitäten im Mittleren und Nahen Osten für möglich: „Es gibt Anzeichen, die darauf schließen lassen, dass die Amerikaner ihr machtpolitisches Engagement selektiver vornehmen und andere Staaten, darunter auch Deutschland, stärker in die Verantwortung nehmen werden“, so Perthes.

Klima im Blick

Auch die klimapolitischen Folgen der Energierevolution diskutierten die Experten in Berlin ausführlich. „Die Erschließung der Schiefergasvorräte führt auch zu einer Verbesserung der amerikanischen Klimabilanz. Da ihre Stromproduzenten von der preisgünstigen Kohle zu dem noch günstigeren Erdgas wechseln, sind die CO2-Emissionen im US-Stromsektors seit 2005 um 15 Prozent gesunken“, so Matthias Bichsel.

Auf Europa wirke sich die amerikanische Energierevolution dagegen eher negativ aus: „Sie trägt indirekt dazu bei, dass aus Kostengründen neben den Erneuerbaren verstärkt auf Kohle gesetzt wird. Diese Gefahr ist besonders groß in Deutschland und könnte dem Klimaschutz den denkbar schlechtesten Dienst erweisen“, so Bichsel. Schwankungen bei der Verfügbarkeit von Strom aus erneuerbaren Energien müssen mit einem konventionellen Kraftwerkspark ausbalanciert werden. Nach Lage der Dinge werde dieser in Deutschland entweder gas- oder kohlebasiert sein, wobei ein Teil der Versorgung auf Importen beruht.

Eine Sackgasse, aus der es nur ein langsames Entkommen gibt – schließlich ist jede Investition in ein Kraftwerk eine Entscheidung für Jahrzehnte. Im Energiesystem sollte Deutschland daher Kohle durch Gas ersetzen. „Gaskraftwerke sind flexibler als andere Anlagen und emittieren pro Kilowattstunde nur halb so viel Kohlendioxid wie Kohleanlagen“, fügte Bichsel hinzu.

Für Niels Annen liegt die Antwort auch künftig in einem Energiemix. „Gas sollte eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Nur dann wird Deutschland in Zukunft seine Klimaziele erreichen können“, sagte der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion.

Skepsis in Europa

Unterschiedlicher Meinung waren die Experten darüber, ob Fracking auch in Deutschland denkbar sei. Matthias Bichsel betonte zwar, dass diese Energierevolution so in Europa nicht wiederholbar sei, machte sich aber dafür stark, die Forschung im Bereich Fracking auch hierzulande nicht vollends einzudämmen: „Europa wäre gut beraten, sich zumindest der Untersuchung des Potenzials seiner heimischen Energiereserven nicht zu verschließen, bevor es denn mit der Reglementierung dieser Möglichkeiten beginnt“.

Für Volker Perthes dagegen ist Fracking in absehbarer Zeit keine ernsthafte Alternative. „Es mangelt schlichtweg an der Akzeptanz in der Bevölkerung. Außerdem seien die geologischen Voraussetzungen in Deutschland ganz andere. Das Land ist dichter besiedelt und die Naturvorkommen rarer gesät.“ Für ihn sei die Technologie auch noch nicht vollends ausgereift. Er plädierte daher auch dafür, die nächsten technologischen Fortschritte abzuwarten. Im Energie-Sektor seien die Late-Comer nicht zwangsläufig die Verlierer, so Perthes.

Auch für Niels Annen ist Fracking derzeit keine Option. „Wir werden weiter konventionelle Energie importieren und den eingeschlagenen Weg der Erneuerbaren Energien weiter gehen. Außerdem ist es notwendig, eine Politik für die Versorgerstaaten in der fernen Nachbarschaft -etwa Iran, Jordanien oder Libyen - zu entwickeln, die verlässliche Rahmenbedingungen schafft“, so der SPD-Sprecher.

Die langfristigen Folgen der derzeitigen Energierevolution im amerikanischen Markt seien nicht final abzusehen – darin waren sich die Experten einig. Deutschland müsse sich viele Wege offenhalten und eigene Ziele verfolgen. Wichtig seien dafür der stete Austausch und die Zusammenarbeit von Experten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, die mit ihren Beobachtungen aus unterschiedlichen Perspektiven ein stimmiges Gesamtbild formen. Der Shell Energie Dialog zeigte erneut, wie das funktionieren kann.

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