Paris im Fokus: Beim Shell Energie-Dialog in Berlin geben Experten einen Ausblick auf die drängendsten Fragestellungen der Energiepolitik im Hinblick auf die Weltklimakonferenz

Den Klimawandel bremsen, ohne die Wirtschaft zu schwächen: Das ist die Herausforderung für eine nachhaltige Energie- und Klimapolitik. In Paris treffen sich ab dem 30. November 2015 die wichtigsten Staats- und Regierungschefs zur 21. UN-Klimakonferenz. Dort soll eine Nachfolge-Regelung für das 2020 auslaufende Kyoto-Protokoll vereinbart werden. „Wird es die Staatengemeinschaft schaffen, weltweit eine schrittweise Dekarbonisierung des Wirtschafts- und Energiesystems einzuleiten? Welche Systeme, welche Technologien und Energieträger sind für diesen Weg am besten geeignet?“, fragte Shell Deutschland-Chef Dr. Peter Blauwhoff in seiner Begrüßungsrede vor mehr als 300 Gästen in Berlin. Der Shell Energie Dialog sollte darauf jede Menge Antworten finden.
 

„Deutschland hat bereits einen beträchtlichen Teil der 100 Maßnahmen umgesetzt, , um unser Klimaschutzziel – 40 Prozent weniger Emissionen bis 2020 gegenüber 1990 – zu verwirklichen.“

Franzjosef Schafhausen

Dr. Harald Kindermann von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) betonte in seinen einleitenden Worten die Bedeutung eines fortwährenden Austauschs: „Fragen zur Energiepolitik brauchen Absprachen. Hier ist die Außenpolitik gefordert. Deshalb sind wir als Mitveranstalter immer gerne beim Shell Energie-Dialog dabei.“

Mit Zuversicht nach Paris

Beim G7-Gipfel im Juni auf Schloss Elmau gaben die führenden Industrieländer bekannt, dass die Welt bis Ende des Jahrhunderts dekarbonisiert werden soll. Außerdem solle die Erderwärmung auf maximal zwei Grad begrenzt werden.
Dass ein Erreichen dieser Ziele nicht zu Lasten des Wirtschaftswachstums gehen muss, davon ist Franzjosef Schafhausen, Abteilungsleiter im Bundesumweltministerium, überzeugt: „Deutschland ist ein Land der Ingenieure. Unser Wohlstand speist sich aus der Entwicklung und Vermarktung neuer Technologien.“

Den Schlüssel zum Erfolg sieht er deshalb in der zunehmenden Nutzung erneuerbarer Energien, in der Verbesserung der Infrastruktur und in Effizienzmaßnahmen. Dazu gehöre auch, dass Deutschland Energieimporte reduziere. Aktuell bezieht Deutschland 70 Prozent seiner Energie aus dem Ausland.
 

„Das Problem ist die Renaissance der Kohle, die wir aktuell erleben“

Prof. Ottmar Edenhofer

Mit Blick auf die anstehende Klimakonferenz in Paris zeigte sich Schafhausen zuversichtlich. Die Europäische Union habe bereits beschlossen, die Treibhausgasemissionen-Emissionen bis 2030 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren. „Die Voraussetzungen sind gut: Wir haben eine breite Kooperation z.B. mit den USA, Kanada, China, Indien, Brasilien und weiteren Ländern Südamerikas. Auch China hat Green Development auf die Agenda gesetzt und wird seinen Teil beitragen.“

Als Ausdruck ihres Engagements wertete Schafhausen die Intended Nationally Determined Contributions (INDC) der Länder. Insgesamt 167 Nationen haben bereits eine solche freiwillige Selbstverpflichtung abgegeben. Davon werden rund 95 % der weltweiten Treibhausgasemissionen erfasst. Eine Zweiteilung der Welt, wie sie nach Kyoto existiert hat, wird es seiner Einschätzung nach nicht mehr geben.

In Paris hofft er auf die Einführung eines neuen Mechanismus, der mehr Transparenz schafft und einen Abgleich zwischen Absichtserklärung und tatsächlich geleisteter Maßnahmen ermöglicht. Deutschland werde seine Ziele erreichen. „Wir haben bereits einen beträchtlichen Teil der 100 Maßnahmen umgesetzt, die das Bundeskabinett verabschiedet hat, um unser Klimaschutzziel – 40 Prozent weniger Emissionen bis 2020 gegenüber 1990 – zu verwirklichen.“

Aktuell arbeite die Bundesregierung an einem Klimaschutzplan 2050. Die Herausforderung bestehe darin, sämtliche Bereiche – etwa auch Stadtentwicklung, Landwirtschaft, Tourismus, Ressourcenschonung und Abfallwirtschaft – mit einzubinden und den Entscheidungsträgeren eine verlässliche Vision zu geben.

Ohne CO2-Bepreisung kein Umdenken

Deutlich weniger zuversichtlich sieht die Paris-Prognose von Prof. Dr. Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung aus. „Das Problem ist die Renaissance der Kohle, die wir aktuell erleben“, so Edenhofer. Weil Kohle so preiswert ist, werden in der nächsten Dekade vielerorts weitere Kohlekraftwerke gebaut, etwa in China, Indien, Vietnam, Indonesien, in Teilen Afrikas oder in der Türkei. „Das bringt uns schnell an die magische Grenze von 1.000 Gigatonnen CO2, die wir maximal noch in der Atmosphäre ablagern können, ohne das 2-Grad-Ziel zu gefährden“, sagt Edenhofer.

Eine Erhöhung der globalen Mitteltemperatur um mehr als zwei Grad hätte nicht nur nachhaltige und zum Teil irreversible Folgen für Umwelt und Klima, sondern wirkt sich auch negativ auf die Arbeits-, Kapital und Agrarproduktivität aus. Um das 2-Grad-Ziel noch erreichen zu können, müsse der CO2-Ausstoß bis 2050 um bis zu 70 Prozent reduziert werden. Edenhofers klare Ansage: „Wenn in Paris keine CO2-Bepreisung eingeleitet wird, werde ich diese Konferenz nicht als Erfolg betrachten“.

Die freiwilligen Selbstverpflichtungen der Länder allein sieht er nicht als Garant für eine nachhaltige Klimapolitik. „Die meisten dieser Erklärungen sind schwammig formuliert und schließen jede Haftbarkeit bei Nichteinhaltung aus. So kommt es, dass der Umweltminister eines Landes die INDC formuliert, während der Wirtschaftsminister die Planung weiterer Kohlekraftwerke vorantreibt.“. Außerdem seien die Erklärungen nicht vergleichbar. „Deshalb befürchte ich, dass ohne die Einführung einer CO2-Bepreisung alle noch so verheißungsvollen Absichtserklärungen folgenlos bleiben.

Pioniergeist bei Shell

Eine Einschätzung der Lage aus Ingenieurssicht gab Harry Brekelmans, Vorstand für Projekte und Technologe bei Royal Dutch Shell. Erneuerbare Energien würden ihren Anteil am Energiemix weiter ausbauen. „Shell geht davon aus, dass sie weltweit bis 2060 einen Anteil von bis zu 60 Prozent am Energiemix haben könnten“, sagte Brekelmans.

Bei den fossilen Brennstoffen setzt das Unternehmen auf Erdgas als Brückentechnologie. „Es ist in Massen verfügbar und daher günstig, und es verursacht bei der Stromerzeugung nur halb so viele Emissionen wie Kohle. Würde man in Deutschland Kohle komplett durch Erdgas ersetzen, würden wir den Ausstoß von CO2 um 150 Millionen Tonnen reduzieren können“, so Brekelmans.

Shell sei als Pionier in Sachen Flüssiggas im Transportsektor, etwa in der Schifffahrt, und im Bereich der Kohlenwasserstoffmobilität hervorragend aufgestellt. Von den Politikern in Paris erhofft sich der Shell Experte deutliche Anreize, um diese Entwicklung weiter voranzutreiben. Ein CO2-Bepreisungssystem, das globale Vergleichbarkeit schafft, würde auch Shell unterstützen.
 

„Würde in Deutschland Kohle komplett durch Erdgas ersetzt, könnten wir den Ausstoß von CO2 um 150 Millionen Tonnen reduzieren“.

Harry Brekelmans

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit allen Teilnehmern, die von FAZ-Redakteur Andreas Mihm moderiert wurde, wurden zahlreiche Fragen auch aus dem Publikum angeregt diskutiert. Uneinigkeit herrschte etwa bei der Frage, ob der Verkehr mit in den CO2-Handel integriert werden sollte. Während Franzjosef Schafhausen dies ablehnte, sieht Edenhofer gerade in der Zusammenführung aller Lebensbereiche einen wesentlichen Hebel zur Erreichung der Klimaziele. „Strom und Verkehr wachsen durch die technologischen Entwicklungen der Zukunft zusammen. Wenn wir einen CO2-Preis für die Stromerzeugung einführen, werden Verkehr, Wärmemarkt und alle anderen Lebensbereiche automatisch gereinigt“, sagt Edenhofer.

Unterm Strich blieben an diesem Abend viele neue Erkenntnisse, anregende Denkanstöße und einige offene Fragen. Der Shell Energie Dialog lieferte damit den idealen Vorgeschmack auf die Weltklimakonferenz in den nächsten Tagen.

Sebastian Meissner
 

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