Jan Toschka Portrait image

Tanken – laden – shoppen: Tankstellen und Autofahrer bewegen sich in eine nachhaltigere Zukunft

In einem Interview äußert sich Shell Tankstellenchef Jan Toschka über die Veränderungen in der Mobilität, mutige Investitionen und wie Angebot und Nachfrage nachhaltiger werden.

Von Cornelia Wolber am 18. Nov. 2020

Herr Toschka, der Anteil von Elektrofahrzeugen bei den Neuzulassungen wächst rasant. Guckt man sich die Tankstellen an, hat man nicht den Eindruck, dass die Ladeinfrastruktur der Tankstellenanbieter mit dieser Entwicklung gleichermaßen wächst. Täuscht der Eindruck?

Ja und nein. Nicht jeder, der ein batterieelektrisches Fahrzeug hat, will oder muss dies zwingend an einer Tankstelle aufladen. Nach wie vor wird zumeist zu Hause oder während der Arbeit geladen. Um für batterieelektrisches Fahren hier ein entsprechendes Angebot machen zu können, haben wir 2017 Europas größten Anbieter von Ladesäulen, NewMotion, gekauft. Deren Angebot für das Laden zu Hause und bei der Arbeit ergänzen wir jetzt sukzessive mit Shell Recharge Schnellladesäulen auf unseren Tankstellen, damit E-Auto-Fahrer auch unterwegs gut versorgt werden können. Die Antriebswende wird nur dann Erfolg haben, wenn alle eine Möglichkeit bekommen, ihr Auto zu laden – also auch ohne eigene Wallbox zu Hause.

Was heißt das konkret? Wie viel Ladepunkte haben sie aktuell an den Tankstellen und in welchem Umfang wollen sie weiter in die Infrastruktur investieren?

Bis Ende des Jahres hatten wir 200 Schnellladepunkte auf unseren Stationen angepeilt. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben uns leider etwas ausgebremst, sodass einige Standorte erst im kommenden Jahr realisiert werden können. Bis 2030 wollen wir das Angebot dann pro Jahr um mindestens 100 Ladepunkte erweitern. Kurz gesagt: 1000 Ladepunkte bis 2030.

Mit 1000 Ladepunkten in knapp 10 Jahren wagt sich Shell weiter vor als andere. Sind die Säulen, die Sie heute haben, denn bereits einigermaßen ausgelastet?

Die Auslastung variiert. Bei einigen liegt sie im einstelligen Prozentbereich. Gute Wirtschaftlichkeit sieht anders aus – das muss man momentan einfach so sagen. Aber das wird sich ändern. In den nächsten zehn Jahren rechnen wir mit sechs bis acht Millionen zugelassenen E-Fahrzeugen. Wir wollen für die Kunden da sein, wenn sie uns brauchen. Deswegen handeln wir jetzt und beginnen die Schnellladeinfrastruktur bundesweit aufzubauen.

Wie lange dauert ein Ladevorgang?

Unsere neuen Schnellladesäulen liefern einheitlich mindestens 150 kW Leistung. Damit können Elektroauto-Fahrer binnen weniger Minuten bis zu 100 Kilometer Reichweite nachladen. Bei den Shell Recharge Ladesäulen handelt es sich um modulare DC-Hochleistungsschnellladestationen mit hoher Ausgangsleistung, die 400-VDC- und 800-VDC-Fahrzeuge unterstützen. Sie sind mit CCS- und CHAdeMO-Anschlüssen ausgestattet.

Und die werden dann mit „grauem“ Strom aus dem Netz versorgt?

Nein, wir bieten an allen Ladesäulen zu 100 Prozent Ökostrom an.

Der Platz auf einer Tankstelle ist begrenzt. Verdrängen die Ladesäulen die Zapfsäulen für Benzin und Diesel?

Wir haben in Deutschland aktuell rund 48 Millionen. Pkw. Davon sind weniger als ein Prozent rein batterieelektrische Fahrzeuge oder Plug-in Hybride. Selbst wenn von heute an jedes neu zugelassene Fahrzeug ein Elektrofahrzeug wäre, würde es noch rund 15 Jahre dauern, bis es keine Verbrenner mehr gäbe. Tatsächlich wird es aber noch länger dauern. Das heißt, dass wir auch in Zukunft neben Ladesäulen, Wasserstoff und gasbasierten Kraftstoffen auch Diesel und Benzin anbieten werden.

Shell hat die Ambition, bis spätestens 2050 ein Netto-Null-Emissionsunternehmen zu werden. Bis 2030 will Shell in Deutschland bereits gut 30 Prozent CO2 reduzieren. Wäre es da nicht konsequenter, jetzt aus dem Diesel- und Benzinverkauf auszusteigen und komplett auf Kraftstoffe aus erneuerbaren Energien umzusteigen?

Wir können diese Reise zu Netto-Null-Emissionen nur erfolgreich meistern, wenn wir sie im Gleichschritt mit unseren Kunden und der Gesellschaft machen. Solange die Menschen eine sehr große Anzahl an Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor fahren, besteht die Nachfrage nach Benzin und Diesel. Als einzelner Anbieter aus diesem Geschäft auszusteigen, ändert nichts an der Nachfrage. Unsere Kunden würden woanders zum Tanken fahren. Damit wäre niemandem geholfen – auch nicht der Energiewende oder der Umwelt. Um den Wandel zur Elektromobilität zu unterstützen und somit die Nachfrage nach Benzin und Diesel zu reduzieren, bauen wir ein zuverlässiges Schnellladenetz aus. Darüber hinaus bieten wir seit dem 7. Oktober unseren Kunden mit Verbrennungsmotoren an, den CO2 Ausstoß ihres Benzin, Diesel oder Autogas-Fahrzeugs auszugleichen.

Was heißt das?

Entscheidet sich der Kunde an der Kasse beim Bezahlen für den CO2-Ausgleich, zahlt er einen Aufschlag von 1,1 Cent pro Liter auf den Kraftstoffpreis. Damit werden die CO2-Emissionen, die durch den Verbrauch von Benzin, Diesel und Autogas entstehen, über Emissionsgutschriften, die Shell erwirbt und aus dem Handel nimmt, ausgeglichen. Shell selbst übernimmt die Kosten des CO2-Ausgleichs für die Herstellung und den Vertrieb des vom Kunden erworbenen Kraftstoffs.

Manche nennen solche Kompensationsmodelle modernen Ablasshandel…

Um eines klarzustellen: CO2-Kompensation ist kein Ersatz für CO2-arme oder - CO2-freie Energieerzeugung und -verbrauch. Dennoch ist die Kompensation sinnvoll und besser, als gar nichts zu tun. Schauen wir doch mal auf ein paar Zahlen: Wenn zehn Prozent unserer Kunden am CO2 Ausgleich teilnehmen, kommen dadurch über elf Millionen Euro zusammen, die wir an Projekte zur Walderhaltung und Aufforstung überweisen. Wer also behauptet, dass der CO2 Ausgleich keinen Sinn macht, unterstellt, dass man für elf Millionen Euro im Naturschutz oder -erhaltung nichts erreichen würde. Das sehen unsere Partner auf der Wald- und Forstseite glücklicherweise anders und ich bin sehr zuversichtlich, dass sich mehr und mehr Kunden für diesen persönlichen Beitrag zum Klimaschutz entscheiden.

Das könnten Sie und die Autofahrer sich alles sparen, wenn Sie Benzin und Diesel mittels Elektrolyse aus Sonne und Windenergie herstellen würden statt aus Erdöl. Stichwort: synthetische Kraftstoffe.

In der Tat wird über deren Potential aktuell viel und zum Teil auch sehr kontrovers diskutiert. Vorteil dieser sogenannten PtL-Kraftstoffe ist es, dass sie über die bestehende Kraftstoffinfrastruktur verteilt und von bestehenden Fahrzeugflotten nahezu nahtlos verwendet werden können. Nachteil ist, dass ihre Herstellung über mehrere Produktionsschritte erfolgt. In Summe ergeben sich ziemlich niedrige Gesamtwirkungsgrade von nur etwa zehn bis gut 15 Prozent - und das bei vergleichsweise hohen Kraftstoffbereitstellungskosten. Zudem braucht es geraume Zeit und große Investitionen, diese Technologie in großem Maßstab einzusetzen.

Das klingt nicht euphorisch.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Synthetische Kraftstoffe werden ein Thema für die Zukunft werden, auch zum Beispiel für die Luftfahrt. Entsprechend beteiligen wir uns bereits seit langem aktiv an der Forschung und Entwicklung.

Jetzt hört der Klimaschutz ja aber nicht an der Zapfsäule auf. Was machen Sie denn rund um den Shop, um zu mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit beizutragen?

Die Frage ist wichtig, denn in der Tat werden die Angebote rund um den Shop wichtiger. 50 Prozent unserer Kunden kommen schon heute nicht mehr, um zu tanken. Die Banken schließen immer mehr Filialen, wir bieten die Möglichkeit an vielen Shell Stationen, Geld abzuheben. Der online-Handel wächst, wir stellen Abholstationen an den Tankstellen auf, um Transportwege zu minimieren. Viele holen sich unterwegs einen Snack und einen Kaffee. Klima- und Nachhaltigkeitsgedanken haben dabei zunehmende Bedeutung. Um der Flut der Einwegbecher entgegenzuwirken, haben wir mit RECUP und unseren Tankstellenbetreibern den Mehrwegbecher eingeführt. Eine wachsende Zahl unserer Tankstellenbetreiber bietet zudem am Abend über die App von Too Good To Go frische Produkte etwa aus dem Backshop zu reduzierten Preisen an, um überzählige Ware nicht wegwerfen zu müssen. Kürzlich haben wir das Getränkesortiment durch Einführung von Mineralwasser der Marke „share” und Limonaden von „Lemonaid“ sowie Eistees der Marke „ChariTea“ sozialer gestaltet. Vom Erlös jeder verkauften Flasche Lemonaid oder ChariTea geht eine Spende an soziale Projekte in den Herkunftsländern der Zutaten wie etwa Südafrika oder Argentinien; bei jedem Kauf einer Flasche share Mineralwassers geht eine Spende an Brunnenbauprojekte in Afrika und Asien. Für jede verkaufte Flasche wird so ein Tag Trinkwasser für einen Menschen ermöglicht. Ich denke es ist fair zu sagen, dass wir eine Menge bewegen.

Die Tankstelle hat also noch lange nicht ausgedient?

Ganz im Gegenteil. Aber die Tankstelle der Zukunft sieht anders aus als heute und verkauft andere Produkte und Services.