Was aus der Distanz nicht zu erkennen ist, sind die vielen Menschen, die dort arbeiten. Sie helfen mit beim Turnaround, wie es in der Fachsprache heißt. Ein Rückblick auf einen der größten Wartungsstillstände der Rheinland Raffinerie.

Am Empfang herrscht reges Treiben. Im Minutentakt treffen Lkw-Fahrer und Angestellte verschiedener Firmen ein, die mit ihren Fahrzeugen aufs Gelände wollen. Doch nur wer die strengen Sicherheitsbestimmungen beachtet und die entsprechenden Ausweise hat, darf ins Werk. Über sechs Wochen gehen und fahren täglich rund 5.500 Menschen durch die Tore von Deutschlands größter Raffinerie. Das sind fast doppelt so viele wie an einem durchschnittlichen Tag im Normalbetrieb. Auch wenn der Begriff Stillstand etwas anderes suggeriert – das Wesselinger Werk ist überall in Bewegung. Für den Turnaround befinden sich rund 2.700 Mitarbeiter zusätzlich auf dem Gelände.

Und die sind weder zu übersehen noch zu überhören. Ein riesiger Kran lässt Wände ab, die von Arbeitern entgegengenommen werden. Dreier- und Zweierteams auf den Gerüsten kümmern sich um die Dichtungen und Flanschverbindungen, die mehrere Rohrabschnitte zusammenhalten. Sicherheitsmitarbeiter mit gelben Warnwesten und Funkgerät in der Hand regeln den Verkehr. Dutzende Männer in Arbeitskleidung und Helm rollen auf Fahrrädern über das Gelände. Selbst in der Zweirad-Werkstatt wird auf Hochtouren gearbeitet. Lkw, Transporter und Autos füllen die schmalen Straßen. Auf einer riesigen Fläche stehen mehrere Mitarbeiter und säubern ausgebaute Teile der Anlage mit Hochdruckreinigern.

Überall herrscht Bewegung. Die Anlagen hingegen sind außer Betrieb. „Ein Großteil des Werks ist im Stillstand“, erklärt Stillstandleiter Walter Luchetta. Der 56-Jährige ist seit 24 Jahren bei Shell und erlebt bereits seinen 15. Turnaround. „Wir sind verpflichtet, bestimmte Anlagenteile in festgelegten Abständen prüfen zu lassen. Das ist wie bei Autos mit der TÜV-Untersuchung. Wir nutzen die Gelegenheit auch für Wartungsarbeiten, die wir bei laufendem Betrieb nicht durchführen können. Wir nehmen die Anlagen außer Betrieb, reinigen sie und stellen sie für die gesetzlichen Prüfungen zur Verfügung“, erläutert Luchetta.

Unzählige Schrauben und Nieten müssen gelöst und später wieder befestigt, 95.000 Dichtungen, 200.000 Schrauben sowie 1.600 Anlagenteile überprüft und zum Teil vorsorglich erneuert werden. Allein 60 Baukräne sind im Wesselinger Werk im Einsatz. Rund 170.000 Kubikmeter Gerüst wurden aufgebaut. Hunderte Container, die als Büros, Besprechungsräume oder Sanitäranlagen dienen, stehen bereit. Eine regelrechte Stadt aus Blechkästen erstreckt sich über mehrere Hundert Quadratmeter.

Das alles ist nur möglich, weil alle mit anpacken. Neben den Mitarbeitern von Shell tummeln sich zusätzlich Elektriker, Gerüstbauer, Inspekteure, Rohrleitungsbauer, Schlosser und TÜV-Angestellte auf dem Werksgelände. „Wahrscheinlich haben wir hier eine der größten Baustellen in ganz NRW“, sagt André Nußbaum, Leiter der Turnaround-Abteilung. „Es ist eine große Aufgabe, Menschen und Material an den richtigen Ort zu bekommen.“ Schon die Anfahrt auf das Gelände sei eine Herausforderung, daher wurde extra ein Verkehrskonzept erarbeitet. Doch nicht nur die Baustelle, auch die Mitarbeiter müssen versorgt werden. „Wir haben ein großes Kantinenzelt aufgestellt, in dem zeitgleich rund 800 Leute verköstigt werden.“

Oberste Priorität für Nußbaum und sein Team hat jedoch, dass alle Mitarbeiter sicher zur Arbeit und abends wieder nach Hause kommen. Wenn etwas runterfallen sollte, sei die Gefahr, dass jemand getroffen werde, schlicht größer. Da auch im Turnaround „Goal Zero“ (siehe Infokasten) gilt, müssen alle, die aufs Gelände wollen, erst ins Sicherheitsschulungszentrum. Fünf Stunden dauert dort die Sicherheitseinweisung, welche anschließend für sechs Monate gültig ist. „Wir vergleichen unsere Leistungen mit Raffinerien und Werken auf der ganzen Welt, es gilt immer ‚Goal Zero’ – daran müssen wir uns messen lassen. Das ist Champions League, da gewinnen nur die Besten“, erklärt der leidenschaftliche Fußballfan. Keine Verletzten zu beklagen sei das wichtigste Ziel – die Null muss stehen.

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