„Eine Generation meldet sich zu Wort“ – so fassen die Autorinnen und Autoren der 18. Shell Jugendstudie ihre Ergebnisse zusammen. Die Studie zeichnet ein differenziertes Bild einer Generation, die in einer Zeit voller Umbrüche ihre Anliegen so vernehmbar vertritt wie schon lange nicht mehr.

Anlässlich der Vorstellung der Studie diskutierten die Autorinnen und Autoren ihre Ergebnisse am 15. Oktober 2019 beim Shell Jugendstudien-Dialog in Berlin mit prominenten Gästen: Caren Marks, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ria Schröder, Vorsitzende der Jungen Liberalen und Anna Braam, Vorsitzende der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Moderiert wurde die Veranstaltung vom YouTuber Mirko Drotschmann alias „MrWissen2go“. 300 Interessierte waren zur Veranstaltung in Berlin gekommen.

Klimawandel und Umweltprobleme bewegen die junge Generation

„Mehr als die Hälfte der Jugendlichen sieht die gesellschaftliche Zukunft zuversichtlich“, stellte Studienleiter Prof. Dr. Mathias Albert in seiner Vorstellung der Studienergebnisse fest. Doch man müsse auch anerkennen, dass einige Ängste stark zugenommen hätten: So machten sich 71 Prozent der jungen Menschen Sorgen wegen der Umweltverschmutzung und 65 Prozent hätten Angst vor dem Klimawandel – deutlich mehr jeweils als noch vor vier Jahren.

Jugendliche Protestbewegungen wie Fridays for Future, aber auch die zuletzt gestiegenen Wahlbeteiligungen junger Menschen deuten auf eine zunehmende Politisierung der jungen Generation hin. Ein Befund, den Albert wie folgt erklärte: „Diejenigen, die bereits politisch interessiert waren, setzen sich noch intensiver mit Politik auseinander und engagieren sich intensiver.“

Ko-Autorin Sabine Wolfert fügte hinzu, dass man auch Unterschiede nach Geschlecht erkennen könne: „Wir sehen eine deutliche Zunahme der Politisierung bei jungen Frauen. Sie haben Umweltthemen stärker im Blick und sind generell wertebewusster.“

Auch Ria Schröder sagte, sie bemerke in ihrer Arbeit bei den Jungen Liberalen, dass die Jugendlichen politischer würden. „Das Engagement vieler junger Menschen findet momentan aber eher auf der Straße statt als in den Parteien.“ Sie wünsche sich, dass die Angebote der Parteien für junge Menschen stärker genutzt würden, denn die verschiedenen Formen des politischen Engagements ergänzten sich letztendlich.

Caren Marks betonte, es sei nun an der Politik, etwas aus dem Potenzial der gewachsenen Politisierung der Jugend zu machen: „Im Bundesjugendministerium arbeiten wir nach dem Leitsatz, Politik für, mit und von Jugendlichen zu machen. Dieses Selbstverständnis wünsche ich mir von der Politik insgesamt im Umgang mit jungen Menschen.“ Dies beginne am besten im direkten Umfeld der Jugendlichen.

Man habe gute Erfahrungen in Modellprojekten damit gemacht, junge Menschen in die Arbeit der Kommunalpolitik einzubinden. „Wenn man in jungen Jahren erlebt, ernstgenommen zu werden, ist die Bereitschaft, sich zu engagieren, umso nachhaltiger vorhanden.“ Junge Menschen sollten erfahren, dass es Freude mache, sich einzubringen und Dinge mit anderen zusammen zu verändern.

Junge Menschen fühlen sich von der Politik häufig nicht gehört

Was politische Einstellungen angeht, stimmt etwa ein Drittel der Jugendlichen laut der Shell Jugendstudie populistischen Aussagen zu. „Affinität zum Populismus geht häufig einher mit dem Gefühl geringerer Kontrolle über das eigene Leben. Solche junge Menschen sehen auch Vielfalt dann meist kritischer“, erklärte Albert dazu. Die Mehrheit der Jugendlichen sei aber wenig zugänglich für populistische Aussagen. „Es ist für diese Generation ein Markenzeichen, dass sie Vielfalt positiv sieht – auch weil sie in sich äußerst vielfältig ist“, so Albert.

Ko-Autor Ulrich Schneekloth ergänzte, dass die Jugendlichen ganz überwiegend in Vielfalt leben und diese auch verteidigen wollten. Die Zustimmung zu einigen populistischen Aussagen und die in der Jugendstudie festgestellte Politikverdrossenheit bei Jugendlichen seien „Kritik, stellen aber keine Ablehnung der Demokratie dar.“ Die junge Generation zeige ein gewisses Misstrauen gegenüber den Parteien, weil sie der Meinung sei, dass die Politik ihre Anliegen noch nicht ernst genug nähme und die Zukunft vernachlässige: „Es gelingt uns nicht, das Gefühl zu vermitteln, dass die Meinung der Jugendlichen zählt.“

Anna Braam sieht einen Weg, dieser Kritik zu begegnen: „Es wäre ein guter Anfang, das Wahlalter für den Bundestag auf sechzehn Jahre zu senken. Als Pendant zum Bundestag könnte man zudem einen Deutschen Jugendtag einrichten.“ Des Weiteren solle man in der Politik auch über Nachwuchsquoten für Parteien und Parlamente nachdenken.

Davon könnten alle profitieren: „Junge Menschen blicken viel stärker in die Zukunft. Sie denken nicht in Legislaturperioden, dadurch sind ihnen zukünftige Probleme viel präsenter.“ Beim Klimawandel sei es der jungen Generation nun gelungen, auch in der breiten Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die Dringlichkeit des Problems zu schaffen.

Die Politik muss sich stärker an der jungen Generation orientieren

Auch Ria Schröder ist der Meinung, dass die Politik sich mehr an den jungen Menschen orientieren müsse: „Sie sehen die Probleme, aber sie halten sie auch für lösbar. Dieser kritische Optimismus ist etwas, von dem die Politik lernen kann.“

Auch aufgrund ihres relativ geringen Anteils an der Bevölkerung hätten junge Menschen de facto jedoch wenig Einfluss auf die Politik. „Es braucht ein Umdenken in der Politik, um den Jugendlichen das Gefühl zu geben, dass sie gehört werden.“ Sie sehe aber, dass in letzter Zeit langsam eine Bewusstseinsänderung eingetreten sei: „Es ist schwieriger geworden, die Anliegen junger Menschen zu ignorieren.“

Caren Marks sieht ebenfalls die Politik in der Pflicht: „Alle in der Politik Verantwortung Tragenden müssen stärker das direkte Gespräch auf Augenhöhe mit jungen Menschen suchen.“ Es sei gut, dass Bewegungen wie Fridays for Future auf Probleme aufmerksam machten und Forderungen stellten. Es ist an der Politik, entsprechende Lösungen zu erarbeiten.

Marks‘ Fazit: „Toll, dass es die Shell Jugendstudie gibt. Für die Arbeit des Ministeriums ist sie relevant, weil wir ihre Ergebnisse und die daraus abzuleitenden Hinweise, dort wo angebracht, in unserer Jugendpolitik berücksichtigen.“ Großer Vorteil der Studie sei, dass sie „Trends ganz frühzeitig“ aufspüre.

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Die Autoren der Studie

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